{"id":11695,"date":"2019-02-27T12:25:00","date_gmt":"2019-02-27T11:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/christusnews.de\/site\/tabuisierung-von-gewalt-und-sexualitaet-aufbrechen\/"},"modified":"2019-02-27T12:25:00","modified_gmt":"2019-02-27T11:25:00","slug":"tabuisierung-von-gewalt-und-sexualitaet-aufbrechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/tabuisierung-von-gewalt-und-sexualitaet-aufbrechen\/","title":{"rendered":"Tabuisierung von Gewalt und Sexualit\u00e4t aufbrechen"},"content":{"rendered":"<p>\u201eEine Kirche, die sexualisierter Gewalt nicht wehrt, ist keine Kirche mehr\u201c, sagte Kirsten Fehrs, Bisch\u00f6fin im Sprengel Hamburg und L\u00fcbeck, am Mittwoch, 27. Februar, in der Evangelischen Kirche Bloherfelde auf dem Allgemeinen Pfarrkonvent der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg. Der Pfarrkonvent ist eine interne Informations- und Fortbildungsveranstaltung f\u00fcr alle Pfarrerinnen und Pfarrer, die auf Einladung des Bischofs der oldenburgischen Kirche zweimal im Jahr zusammenkommt. Bisch\u00f6fin Fehrs, die auch Sprecherin des \u201eBeauftragtenrats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Schutz vor sexualisierter Gewalt\u201c ist, erl\u00e4uterte auf dem Pfarrkonvent die Beschl\u00fcsse der EKD-Synode vom vergangenen November zu diesem Thema. <\/p>\n<p>Das Kirchenparlament der EKD hatte auf seiner Tagung in W\u00fcrzburg beschlossen, die Ma\u00dfnahmen zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in der EKD auszuweiten und einstimmig einem Elf-Punkte-Handlungsplan zugestimmt, der unter anderem eine Studie \u00fcber das Dunkelfeld sowie eine unabh\u00e4ngige zentrale Ansprechstelle vorsieht. \u201eAufarbeitung hei\u00dft, sich auch emotional der Schuld zu stellen, als Institution, die in systematisch bedingter Blindheit T\u00e4tern und T\u00e4terinnen zugespielt und Opfer nicht gesch\u00fctzt hat\u201c, sagte Bisch\u00f6fin Kirsten Fehrs. Fehrs verwies auf Machtstrukturen, die falsch verstandene Reformp\u00e4dagogik ab den 1970er Jahren sowie eine unscharfe Trennung von dienstlichen und privaten Verh\u00e4ltnissen. Die Folgen f\u00fcr Betroffene von sexualisierter Gewalt seien oft lebensl\u00e4nglich qu\u00e4lend. Der Verlust des Glaubens geh\u00f6re dabei oft zu \u201eden grausamsten Folgen\u201c. <\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Fl\u00e4chendeckend zentrale Meldestellen f\u00fcr Betroffene schaffen<br \/><\/span>Die evangelischen Landeskirchen sind laut Fehrs fl\u00e4chendeckend dazu angehalten, zentrale Meldestellen f\u00fcr Betroffene zu schaffen \u2013 wie es in der oldenburgischen Kirche bereits seit 2010 geschehen ist \u2013 und eine Meldepflicht f\u00fcr kirchliche Mitarbeitende einzuf\u00fchren, wenn sie Anzeichen wahrnehmen, dass es zu \u00dcbergriffen komme. <\/p>\n<p>Fehrs machte deutlich, dass Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt die Voraussetzung daf\u00fcr sei, ihr vorzubeugen. \u201eMan muss wissen, was genau passiert ist, um zu lernen, wie man genau das zuk\u00fcnftig verhindern kann.\u201c Dabei gehe es nicht nur um Konzepte, sondern um \u201eMenschen, die verstanden haben, wie ein Umfeld entsteht, in dem Grenzen missachtet werden und T\u00e4ter und T\u00e4terinnen ihr System etablieren.\u201c Gewalt, allemal sexualisierte Gewalt, l\u00f6se bei den meisten naturgem\u00e4\u00df erst einmal den zutiefst menschlichen Reflex aus, sich nicht befassen zu wollen. Aber diesen Widerstand zu \u00fcberwinden, sei unabdingbar, \u201egerade doch zum Schutz vor weiterem Leid\u201c, betonte Fehrs. \u201eWir sind es den Betroffenen \u2013 und wir sind es uns \u2013 schuldig, die gesamtgesellschaftliche Tabuisierung des Themas Gewalt und Sexualit\u00e4t aufzubrechen.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Bischof Thomas Adomeit: Null-Toleranz-Politik bei sexualisierter Gewalt<br \/><\/span>Bischof Thomas Adomeit dankte Bisch\u00f6fin Kirsten Fehrs herzlich f\u00fcr Ihre Ausf\u00fchrungen auf dem Allgemeinen Pfarrkonvent in Oldenburg. \u201eDass uns anvertraute Menschen \u2014 in engeren oder weiteren kirchlichen Bez\u00fcgen \u2014 Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind, macht mich fassungslos und sehr traurig\u201c, sagte Adomeit. Kirche sei Teil der Gesellschaft, insofern sei das nicht verwunderlich und doch zu tiefst erschreckend.\u201c Laut Adomeit m\u00fcssen \u201ewir uns fragen lassen und selbst fragen, inwiefern am Ende sogar unsere kirchlichen Strukturen sexualisierte Gewalt beg\u00fcnstigt haben. Und wir m\u00fcssen uns fragen, inwieweit auf Grund unserer Strukturen sich Opfer nicht getraut haben oder sich nicht trauen, von ihren Erlebnissen zu berichten.\u201c <\/p>\n<p>Adomeit verwies darauf, dass die oldenburgische Kirche eine Null-Toleranz-Politik im Umgehen mit aktueller oder vergangener sexualisierter Gewalt verfolge. \u201eDas hei\u00dft, wenn Vorkommnisse bekannt werden, werden wir dem nachgehen. Wenn Menschen sich nicht trauen, dar\u00fcber zu sprechen, werden wir sie ermutigen. Wenn es disziplinarische Ma\u00dfnahmen zu ergreifen gilt, wird das geschehen. Als Kirche leben wir nur durch Menschen, Menschen, die der Gemeinschaft, der Kirche vertrauen. Dieses h\u00f6chste Gut ist hoch gef\u00e4hrdet, wenn wir die Aufarbeitung der Vergangenheit, die Betrachtung unserer gegenw\u00e4rtigen Situation und die Pr\u00e4vention und Schutzkonzepte f\u00fcr die Zukunft nicht angehen\u201c, so Adomeit. <\/p>\n<p>Gleichzeitig verwies der oldenburgische Bischof darauf, dass es in den Bereichen evangelischer Kinderg\u00e4rten, Jugendarbeit und Kirchenmusik mit Blick auf das Kindeswohl bereits Konzepte und Schulungen zur Sensibilisierung und Pr\u00e4vention gebe, f\u00fcr den Bereich Kirchengemeinden und Pfarrerschaft sei dies in Arbeit. Auch Leitlinien f\u00fcr die regionalen Studien w\u00fcrden in diesem Jahr erstellt, k\u00fcndigte Adomeit an. \u201eDie Opfer warten auf die Antworten ihrer Kirche, sofern sie noch von ihrer Kirche reden k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Fortbildung und Sensibilisierungsschulungen f\u00fcr Pfarrerinnen und Pfarrer <br \/><\/span>Auf dem Allgemeinen Pfarrkonvent stellte Pfarrer Andreas Zuch, Leiter des Referats Gemeindedienste, Fortbildungen und Sensibilisierungsschulungen zum Thema \u201eMacht und Machtmissbrauch in Einrichtungen\u201c f\u00fcr Pfarrerinnen und Pfarrer vor. Zusammen mit Fachleuten aus dem Kinderschutzzentrum Oldenburg (Vertrauensstelle Benjamin) sollen diese im kommenden Jahr verpflichtend \u00fcber die Pfarrkonvente in den Kirchenkreisen angeboten werden. Alle drei Jahre sollen Folgeveranstaltungen organisiert werden. Dieses mit dem Kinderschutzzentrum erarbeitete Verfahren sei in Anlehnung an die von der EKD und der Diakonie Deutschland entwickelten Initiative \u201ehinschauen \u2013 helfen \u2013 handeln\u201c entstanden, erl\u00e4uterte Zuch. <\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">\u201eIn der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg reden wir \u00fcber sexuellen Missbrauch\u201c<br \/><\/span>\u201eJahrelanges Schweigen und Verheimlichung geh\u00f6ren als ganz fatale Begleiterscheinungen zu fast jeder Missbrauchstat. Ob aus Scham oder als Reaktion auf Drohungen der T\u00e4ter bleiben so die Betroffenen allein \u2013 f\u00fcr Kinder und Jugendliche eine kaum vorstellbare Belastung\u201c, sagt Pfarrer Bernd R\u00fcger. Mit ihm und Diakonin Birgit J\u00fcrgens stehen in der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg seit 2010 zwei Ansprechpersonen f\u00fcr vertrauliche Gespr\u00e4che mit Betroffenen bereit. Das Schweigen zu brechen, sei oft schwer umzusetzen und so blieben Betroffene jahre- und jahrzehntelang allein mit ihrer Verwundung, berichtet R\u00fcger. Aber \u201ewer das Schweigen bricht, geht erste Schritte in die Befreiung und bricht die Macht der T\u00e4ter\u201c, ermutigt der oldenburgische Ansprechpartner: \u201eIn der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg reden wir \u00fcber sexuellen Missbrauch, der auch in unserer Kirche geschehen ist \u2013 und geschieht.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Pr\u00e4vention in der Jugendarbeit<br \/><\/span>Seit November 2011 ist der Arbeitsbereich \u201eKindeswohl und Pr\u00e4vention sexualisierter Gewalt\u201c fest im Landesjugendpfarramt verankert. Das umfasse unter anderem verbindliche Standards im Bereich der Schulungs- und Freizeitenarbeit und gelte f\u00fcr alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden, erl\u00e4uterte Diakonin Farina Hubl, Referentin f\u00fcr Jugendpolitik und Kindeswohl im Landesjugendpfarramt der oldenburgischen Kirche. Die Vollversammlung der Evangelischen Jugend Oldenburg (ejo) habe im Februar 2012 zusammen mit dem Landesjugendpfarramt einen Verhaltenskodex als Orientierung und Empfehlung f\u00fcr den Umgang von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden mit Kindern und Jugendlichen beschlossen. Das Landesjugendpfarramt arbeite zudem im Bereich Kindeswohl \/ Pr\u00e4vention sexualisierter Gewalt eng mit den zust\u00e4ndigen kirchenleitenden Stellen zusammen. <\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">\u201eKinderschutz\u201c in den Kinderg\u00e4rten<br \/><\/span>Bereits seit 2007 sind die Kinderg\u00e4rten und ihre Tr\u00e4ger durch Bundesgesetz (\u00a7 8a SGB VIII) verpflichtet, ein Verfahren zum Vorgehen bei Verdacht auf Kindeswohlgef\u00e4hrdung vorzuhalten und umzusetzen, berichten Frauke Schmidt und Pfarrerin Hilke Freels-Thibaut von der Fachstelle Kindergartenarbeit der oldenburgischen Kirche. Sp\u00e4testens seit In-Kraft-Treten des Bundeskinderschutzgesetzes im Jahr 2012 sei das Thema Grenzen und Grenzverletzungen durch Mitarbeitende fl\u00e4chendeckend in allen Kinderg\u00e4rten der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg im Fokus. Zu den Aspekten des Kinderschutzes wurden Handreichungen erarbeitet, die 2015 von der Fachstelle Kindergartenarbeit der oldenburgischen Kirche ver\u00f6ffentlicht wurden und in den Einrichtungen umgesetzt werden. Au\u00dferdem wurde eigens ein Indikator \u201eKinderschutz\u201c in das Qualit\u00e4tshandbuch f\u00fcr die Kinderg\u00e4rten der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg eingearbeitet. Die Fachstelle Kindergartenarbeit unterst\u00fctze die Kinderg\u00e4rten bei der Umsetzung durch Teamfortbildungen zum Thema, Prozessbegleitung bei der Entwicklung von Kinderschutzkonzepten (Ethikkodex, Verfahren bei Verdacht auf Kindeswohlgef\u00e4hrdung, Sexualp\u00e4dagogisches Konzept) und durch Handreichungen und Qualit\u00e4tsmanagement.<br \/>\n&nbsp;<br \/><span style=\"font-weight: bold\">Kontaktm\u00f6glichkeiten in der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg:<br \/><\/span>Birgit J\u00fcrgens, Telefon: 0441-7701 133, E-Mail: birgit.juergens@kirche-oldenburg.de&nbsp; <br \/>Pfarrer Bernd R\u00fcger, Telefon: 0441-7701 122, E-Mail: bernd.rueger@kirche-oldenburg.de&nbsp; <br \/>Homepage: www.kirche-oldenburg.de\/themen\/seelsorge-beratung\/sexueller-missbrauch.html&nbsp; <\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\"><span style=\"font-style: italic\">Weitere Informationen zu den Ergebnissen der EKD-Synode im November 2018 finden Sie unter: <\/span><\/span>www.ekd.de\/synode-beschliesst-elf-punkte-plan-sexualisierte-gewalt-40391.htm&nbsp; <\/p>\n<p>\nSource: Kirche-Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEine Kirche, die sexualisierter Gewalt nicht wehrt, ist keine Kirche mehr\u201c, sagte Kirsten Fehrs, Bisch\u00f6fin im Sprengel Hamburg und L\u00fcbeck, am Mittwoch, 27. Februar, in der Evangelischen Kirche Bloherfelde auf dem Allgemeinen Pfarrkonvent der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg. 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