{"id":14567,"date":"2020-05-26T06:13:00","date_gmt":"2020-05-26T04:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/christusnews.de\/site\/fragiles-fragen-nach-gott-in-fremdem-fruehling\/"},"modified":"2020-05-26T06:13:00","modified_gmt":"2020-05-26T04:13:00","slug":"fragiles-fragen-nach-gott-in-fremdem-fruehling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/fragiles-fragen-nach-gott-in-fremdem-fruehling\/","title":{"rendered":"Fragiles Fragen nach Gott in fremdem Fr\u00fchling"},"content":{"rendered":"<p>Sp\u00e4ter Nachmittag. Jetzt endlich raus! Den ganzen Tag, wie seit Wochen alle Tage, in der Wohnung. Aber bei allen Einschr\u00e4nkungen: Das Spazieren in der Natur war (Gott-sei-Dank!) immer m\u00f6glich. Es ist fast ein Automatismus geworden: Aufstehen vom Schreibtisch, Jacke an, feste Schuhe, ein paar Kilometer vor die Tore der Stadt in meinen Lieblingswald. Und dann: Raus ins Gr\u00fcn, ins manchmal so unentschlossene Fr\u00fchlingswetter.<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Jeden Tag, seit Beginn der Covid-19-Einschr\u00e4nkungen Mitte M\u00e4rz. Und jeden Tag die gleichen Wege. Langeweile? Nicht ein einziges Mal. Ich gebe freim\u00fctig zu: Noch nie habe ich auch nur einen einzigen Fr\u00fchling so intensiv erlebt, wie diesen fremden Corona-Fr\u00fchling.<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Noch nie habe ich mir durch t\u00e4gliche G\u00e4nge die immer gleichen Wege vertraut gemacht. Und statt Langeweile Staunen: Ich sehe immer mehr. Jeder Baum, jedes Geb\u00fcsch und jedes Bl\u00fcmchen am Wegrand wird Teil dieser Geschichte. Meiner Geschichte. Wie gute alte Bekannte. Und stecken so derart voller Leben, Lust und Farbe, dass einem aufmerksamen Hinseher fast schwindelig werden kann.<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Ich lernte, dass die Zeile von den \u201eausschlagenden\u201c B\u00e4ume im Fr\u00fchling (wie Emanuel Geibel 1841 dichtete) gar keine sp\u00e4tromantische \u00dcbertreibung ist: Wie ihr Ge\u00e4st t\u00e4glich w\u00e4chst, wuchert, bis sich Ende M\u00e4rz die ersten Bl\u00e4tter vorsichtig hervor schieben, noch zusammengerollt. Kaum sichtbar. Aber wie es dann, als h\u00e4tten sie\u2019s verabredet, binnen Tagesfrist urpl\u00f6tzlich gr\u00fcn aus ihnen hervorbricht: grell, hell, blendend in der zaghaften Aprilsonne. Wie da ungest\u00fcm pure Lebenslust in protziger Prachtf\u00fclle regelrecht \u201ezur Schau\u201c gestellt wird. Und all das g\u00e4nzlich unbeeindruckt von unseren Einschr\u00e4nkungen, unseren berechtigten \u00c4ngsten und Sorgen in einem fremden Fr\u00fchling.<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Oder haben Sie schon Bekanntschaft mit dem kleinen Farbwunder Gamander-Ehrenpreis (Foto) gemacht? Ich nicht. Ich brauchte dazu diesen Corona-Fr\u00fchling. Wohl sechs, vielleicht sieben Millimeter misst die Bl\u00fcte dieses ebenso widerst\u00e4ndigen wie fragilen kleinen Kerls. Seine Bl\u00fcte leuchtet kunstvoll geformt ein intensives Blau in die Fr\u00fchlingswelt. Und dann hockte ich nicht selten irgendwo am Waldweg und fragte mich: \u201eWer nur hat sich das alles ausgedacht?\u201c<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Das wird Sie vielleicht wundern. Denn so jemand wie ich sollte doch wenigstens diese eine Antwort immer parat haben. Ich hab\u00b4 sie nicht parat. Ich muss sie immer wieder neu erfragen. Und dann buchstabieren. Ich brauche meine Zweifel zum Glauben.<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> <strong>Der Herr schaut vom Himmel auf die Menschenkinder,<br \/> dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage.<\/strong> <em>(Psalm 14,2)<\/em><br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Ob wir klug sind? Ich denke, wir geben uns gro\u00dfe M\u00fche. Und in den vergangenen Wochen haben wir das noch einmal ganz besonders getan: Kirche sein, leben und leiten unter ganz neuen, ungewohnten Bedingungen. Da haben viele von uns sich noch mehr als sonst gem\u00fcht, engagiert und jede Menge improvisiert. Wir haben Kirche bleiben k\u00f6nnen ohne die gewohnte Form der Sonntagsgottesdienste, ohne die gewohnte Form der vielf\u00e4ltigen pers\u00f6nlichen Begegnungen.<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Denn wir haben neue Wege zu den Menschen gefunden. Wege, die wir noch vor wenigen Wochen f\u00fcr undenkbar gehalten h\u00e4tten. Wir sind erfrischend kreativ und erfinderisch geworden. Und oft wurde dabei nach Gott gefragt. Wir haben unz\u00e4hlige neue, auch digitale Formate f\u00fcr die Verk\u00fcndigung entdeckt und: Sie wurden von neugierigen und mutigen Menschen in unseren Kirchengemeinden auf vielf\u00e4ltige Weise zum Leben erweckt. Fehlerfreundlicher ging es zu. Es war ja nicht Zeit f\u00fcr Konzepte. Es war Zeit zu machen.<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Wir konnten sogar Probleme l\u00f6sen, die vor Corona-Zeiten als unl\u00f6sbar galten. Und mussten (und m\u00fcssen weiterhin) immer wieder neu verantwortlich reagieren auf die weiterhin unberechenbare Dynamik des Virusgeschehens. Chapeau!<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> \u201eRelevanz-Verlust\u201c? Ich sehe ihn nicht. \u201eScheitern der Kirche(n) in der Krise\u201c? Nicht \u201esystemrelevant\u201c? Sicher, es gab auch schmerzhafte Ausf\u00e4lle unserer bisherigen Dienste. Aber in der Summe kann zu solch negativem Schluss nur kommen, wer nicht aufmerksam hingesehen hat. Wer sich nicht sprichw\u00f6rtlich geb\u00fcckt hat, um auch die ganz kleinen Aufbr\u00fcche zu bestaunen. Diese mutigen, ersten und nicht selten z\u00f6gerlichen Schritte auf ganz neuen Wegen. An so vielen Orten!<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Und damit bin ich wieder beim widerst\u00e4nden und fragilen Gamander-Ehrenpreis (Foto): Geradezu fr\u00fchlingshaft ist auch im kirchlichen Tun neues Leben hervorgebrochen. Widerst\u00e4ndig in der Krise. Fragiles Fragen nach Gott. Kleine, stolze und ganz erstaunliche Pfl\u00e4nzchen eines neuen\u2026 ja: Kirchenfr\u00fchlings. Geboren aus der Not. Aber getragen von der Frage nach unserem Gott in diesen fremden Zeiten.<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Und genau dieser Aufbruch, sein Mut und all die M\u00fchen in Kirchengemeinden und Kirchenkreisen haben sicher nicht verdient, klanglos zu verbl\u00fchen unter dieser Tage so lautem Ruf: \u201eR\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t!\u201c Vielleicht r\u00fcttelt der Satz von Erika Freeman (92j\u00e4hriges Kriegskind; Psychoanalytikerin in New York) im aktuellen Zeitmagazin uns auf: \u201eDas Schlechte ist schlecht genug, da kann man sich auch auf das Gute konzentrieren.\u201c<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Davon gab es in den hinter uns liegenden Wochen eine ganze Menge. K\u00fcmmern wir uns also darum: Pr\u00fcfen wir alles und behalten das Gute (1. Thess. 5,21). Investieren wir z.B. in vielf\u00e4ltigere Verk\u00fcndigungsformen mit Potential. Kultivieren wir die M\u00f6glichkeiten \u2014 wie der Fr\u00fchling. Er ist ja das Spiel mit dem Potentiellen. Mit dem, was noch m\u00f6glich ist. Fr\u00fchling weist \u00fcber sich hinaus und zeigt uns, was noch werden kann. Und soll. Daher: Jetzt bitte auch klug bleiben. Wer wei\u00df? Vielleicht kann aus diesem Kirchenfr\u00fchling sogar einmal ein Kirchensommer werden\u2026?<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Was mich angeht: Ich werde meine regelm\u00e4\u00dfigen G\u00e4nge ins Gr\u00fcne auch k\u00fcnftig beibehalten. Und freue mich insgeheim schon auf das, was mich dort drau\u00dfen im Sommer ber\u00fchren und immer wieder erstaunt nach Gott fragen lassen wird.<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Es ist Sp\u00e4tnachmittag: Jetzt endlich raus! Aufstehen vom Schreibtisch, Jacke an, feste Schuhe, ein paar Kilometer vor die Tore der Stadt in meinen Lieblingswald. Mal sehen, was mich heute staunen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><em>Pfarrer Hartmut L\u00fcbben, Nachwuchsf\u00f6rderung<\/em><\/p>\n<p>Source: Kirche-Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sp\u00e4ter Nachmittag. Jetzt endlich raus! 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