{"id":15170,"date":"2020-08-24T08:21:00","date_gmt":"2020-08-24T06:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/christusnews.de\/site\/es-war-der-versuch-den-reset-knopf-zu-druecken-der-historiker-harry-oelke-ueber-die-gruendung-der-ekd-vor-75-jahren\/"},"modified":"2020-08-24T08:21:00","modified_gmt":"2020-08-24T06:21:00","slug":"es-war-der-versuch-den-reset-knopf-zu-druecken-der-historiker-harry-oelke-ueber-die-gruendung-der-ekd-vor-75-jahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/es-war-der-versuch-den-reset-knopf-zu-druecken-der-historiker-harry-oelke-ueber-die-gruendung-der-ekd-vor-75-jahren\/","title":{"rendered":"\u00abEs war der Versuch, den Reset-Knopf zu dr\u00fccken\u00bb &#8211; Der Historiker Harry Oelke \u00fcber die Gr\u00fcndung der EKD vor 75 Jahren &#8211;"},"content":{"rendered":"<p>Hannover\/Treysa (epd). Vor 75 Jahren gr\u00fcndeten 120 M\u00e4nner aus 28 Landeskirchen die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Die Kirchenkonferenz tagte vom 27. bis 31. August 1945 im nordhessischen Treysa &#8211; nur drei Monate nach Kriegsende. Im epd-Gespr\u00e4ch erl\u00e4utert der M\u00fcnchner Kirchenhistoriker Harry Oelke die Schwierigkeiten des Neuanfangs.<\/p>\n<p>epd: Herr Professor Oelke, gab es eine \u00abStunde Null\u00bb f\u00fcr die evangelische Kirche nach der NS-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg?<\/p>\n<p>Harry Oelke: \u00abStunde Null\u00bb halte ich f\u00fcr keinen angemessenen Begriff.&nbsp;Als Historiker achtet man immer auch auf Kontinuit\u00e4ten, man kann bei keinem Umbruch eine Stunde Null identifizieren. Aber das Jahr 1945 markierte schon so etwas wie einen Neustart f\u00fcr den Protestantismus. Es ist der Versuch, den Reset-Knopf zu dr\u00fccken. Gleichwohl ist dieser Neuanfang bestimmt von Belastungen aus der NS-Zeit. Die Anhaftungen an der Vergangenheit waren noch stark.<\/p>\n<p>epd: Welche sind das?<\/p>\n<p>Oelke: Die evangelische Kirche ist im NS-Staat der kritischen W\u00e4chterfunktion f\u00fcr das \u00f6ffentliche Lebens nicht nachgekommen. Gott in bestimmten Dingen mehr zu gehorchen als den Menschen, ist ja auch ein Aufruf zu kritischer Wachsamkeit. Der Protestantismus hat sich stattdessen st\u00e4rker der Obrigkeit untergeordnet. Man hat Martin Luthers \u00abZwei-Reiche-Lehre\u00bb zu einseitig im Blick auf die Trennungsimpulse zwischen geistlichem und weltlichem Reich, also zwischen Kirche und Staat, interpretiert und damit eine Kontrollfunktion gegen\u00fcber dem Nationalsozialismus gar nicht erst aufgebaut.<\/p>\n<p>Das hing der Kirche noch lange nach, denn damit verkn\u00fcpfte sich die Schuldfrage. Sie hat den Nationalsozialismus im Blick auf die Staatsverbrechen, die dann sp\u00e4testens ab 1939 insbesondere durch die Ermordung der europ\u00e4ischen Juden erschreckende Ausma\u00dfe annahmen, nicht kritisch beobachtet und nicht eingegriffen, etwa durch Verlautbarungen. Sie hat sich nur auf das \u00dcberleben der Kirche konzentriert. Das war zwar nicht unwichtig, aber anderes blieb ausgeblendet. Hinzu kommt, dass die kirchliche Opposition gegen die NS-Kirchenpolitik, die \u00abBekennende Kirche\u00bb, zerstritten war und uneinheitlich auftrat.<\/p>\n<p>epd: Wie hat sich das auf die Gr\u00fcndung der EKD ausgewirkt?<\/p>\n<p>Oelke: Die vers\u00e4umte W\u00e4chterfunktion hat sich sofort in Treysa bemerkbar gemacht. Dort wurde eine Verlautbarung mit dem Titel \u00abVerantwortung der Kirche f\u00fcr das \u00f6ffentliche Leben\u00bb aus der Feder des Historikers Gerhard Ritter vorgelegt. Das Thema kam nicht von ungef\u00e4hr. Die Kirche griff genau dasjenige Defizit auf, das sie sp\u00fcrte und von dem sie wusste: Zw\u00f6lf Jahre haben wir diese Funktion nicht wahrgenommen. Indirekt war das eine Anerkenntnis eines historischen Versagens. Die Verlautbarung bedient sich zum Teil noch r\u00fcckw\u00e4rtsgewandter Denkformen. Das Vorw\u00e4rtsgewandte ist aber, dass man fortan im Grundsatz \u00f6ffentliche Verantwortung f\u00fcr die Gesellschaft wahrnehmen will.<\/p>\n<p>epd: In welchem Punkt war die Gr\u00fcndung wirklich ein Neuanfang?<\/p>\n<p>Oelke: Man erkannte die Notwendigkeit einer Reflexion \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Religion, Kirche und Politik. Die wird jetzt zumindest eingefordert. Das hatte man vorher in der NS-Zeit nicht gemacht, damals wurde h\u00f6chstens andeutungsweise hinter verschlossenen T\u00fcren dar\u00fcber gesprochen. Aber jetzt will sich die Kirche explizit um dieses Thema k\u00fcmmern. Das war zun\u00e4chst eine Absichtserkl\u00e4rung, aber daraus konnte sich dann in den 1970er Jahren die protestantische Sozialethik entwickeln.<\/p>\n<p>Auch wurden jetzt erstmals Laien neben Theologen in ein kirchliches Beratungsgremium gew\u00e4hlt. Bis 1945 waren die Theologen dabei unter sich geblieben. Und noch ein Punkt: Es wurde in Treysa eine wahrhaftige Presse gefordert. Hier wurde die Bedeutung der Presse erkannt f\u00fcr eine Kirche, die in einem demokratischen Staat leben und ihn f\u00f6rdern will. Das bewusste Generieren einer \u00d6ffentlichkeit \u00fcber die Kirchenmauern hinaus war weitsichtig und verglichen mit der Publizistik vor 1945 etwas Neues f\u00fcr den Protestantismus.<\/p>\n<p>Source: Kirche-Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hannover\/Treysa (epd). Vor 75 Jahren gr\u00fcndeten 120 M\u00e4nner aus 28 Landeskirchen die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Die Kirchenkonferenz tagte vom 27. bis 31. 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