{"id":15235,"date":"2020-09-02T08:58:00","date_gmt":"2020-09-02T06:58:00","guid":{"rendered":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wenn-das-virus-auch-die-seele-quaelt\/"},"modified":"2020-09-02T08:58:00","modified_gmt":"2020-09-02T06:58:00","slug":"wenn-das-virus-auch-die-seele-quaelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wenn-das-virus-auch-die-seele-quaelt\/","title":{"rendered":"Wenn das Virus auch die Seele qu\u00e4lt"},"content":{"rendered":"<p>Hannover\/Berlin (epd). Annemarie Denecke erinnert sich noch gut an jene Tage, als die Corona-Krise die hannoversche Telefonseelsorge erreichte. Anfangs sei es vor allem um ganz handfeste Fragen&nbsp;gegangen: Soll ich mich auf Corona testen lassen, weil ich seit drei Tagen huste? Wie gro\u00df ist das Infektionsrisiko? Wie sch\u00fctze ich mich am besten? Doch dann, Ende M\u00e4rz, kamen mit Shutdown, Kontaktbeschr\u00e4nkungen und Abstandsgebot verst\u00e4rkt seelische N\u00f6te ins&nbsp;Spiel: Angst vor zerm\u00fcrbender Einsamkeit. Die Sorge, den ohnehin beschwerlichen Alltag nicht mehr meistern zu k\u00f6nnen, weil die sonst so hilfsbereiten Nachbarn auf Abstand gehen. Wut dar\u00fcber, nicht zum schwer kranken Vater ins Pflegeheim zu d\u00fcrfen. Qu\u00e4lende Ohnmacht bei dem Gedanken, dass er mutterseelenallein sterben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>\u00abUns haben vor allem Menschen angerufen, die schon vor Corona psychisch labil oder einsam waren. Die pl\u00f6tzlichen Einschr\u00e4nkungen durch die Corona-Pandemie haben f\u00fcr viele von ihnen eine ohnehin schwierige Lebenssituation zus\u00e4tzlich versch\u00e4rft\u00bb, berichtet Denecke, die zu den rund 100 ehrenamtlich Engagierten im Team der Telefonseelsorge Hannover geh\u00f6rt. Wie ihre Kolleginnen und Kollegen gibt auch die 68-J\u00e4hrige ihren wirklichen Namen nicht preis. Denn die Anonymit\u00e4t sch\u00fctzt die Seelsorger einerseits vor pers\u00f6nlichen Verstrickungen in die oftmals schweren Schicksale der Anrufer und andererseits vor allzu distanzlosen Klienten.<\/p>\n<p>Fragen zu Corona selbst, Depressionen, \u00c4ngste, Suizidgedanken &#8211; und eben ganz besonders die Einsamkeit: Das seien die beherrschenden Themen der zur\u00fcckliegenden Monate gewesen, sagt Denecke. \u00abGerade die Einsamen wollen in dieser Zeit oft einfach nur N\u00e4he sp\u00fcren.\u00bb Besonders um Ostern, in einer Zeit, die nicht nur Christen \u00fcblicherweise mit Gemeinschaft und Freude verbinden, seien die Telefone f\u00f6rmlich hei\u00df gelaufen.<\/p>\n<p>Und das gilt nicht nur in der Dachgeschosswohnung unweit des hannoverschen Stadtzentrums, in der die Beratungseinrichtung ihren Sitz hat. Bundesweit verzeichnete die gemeinsam von evangelischer und katholischer Kirche getragene Telefonseelsorge seit Beginn der Corona-Ma\u00dfnahmen einen deutlichen Anstieg der Kontaktaufnahmen. F\u00fchrten die Telefonseelsorger im Februar noch rund 97.000 Gespr\u00e4che, waren es im M\u00e4rz bereits rund 113.000 und im April, also unmittelbar nach dem Shutdown, gar mehr als 117.000. Auch jetzt, da der einstige Ausnahmezustand l\u00e4ngst als \u00abneue Normalit\u00e4t\u00bb bezeichnet wird, liegen die Zahlen noch immer deutlich \u00fcber dem \u00dcblichen.<\/p>\n<p>\u00abDie Sorgen und N\u00f6te der Menschen sind in Corona-Zeiten zun\u00e4chst keine anderen als sonst auch. Aber manche davon treten gerade jetzt mit erh\u00f6hter Dringlichkeit zutage\u00bb, sagt Pastorin Kerstin H\u00e4usler, die die hannoversche Telefonseelsorge leitet. \u00abWas hier bei uns im kleinen Ma\u00dfstab an Themen aufl\u00e4uft, sagt auch etwas \u00fcber die Gro\u00dfwetterlage\u00bb, ist die Theologin \u00fcberzeugt. \u00abDerzeit fallen Schlaglichter auf die N\u00f6te der Einsamen, auf die Menschen in den Pflegeheimen, auf Eltern, die sich zwischen Home-Office und Home-Schooling aufreiben, auf Kinder, die sich lange Zeit kaum mit Gleichaltrigen treffen konnten und auch jetzt noch l\u00e4ngst keinen normalen Alltag haben.\u00bb Deutlicher als zuvor werde sichtbar, wie fragil sicher geglaubte Verh\u00e4ltnisse seien. \u00abAllein das f\u00fchrt dazu, dass viele Menschen schneller aus der Bahn geworfen werden und nach Hilfe suchen\u00bb, sagt H\u00e4usler.<\/p>\n<p>Pastor Bernd Bl\u00f6meke, Referent f\u00fcr Telefonseelsorge im Diakonie Bundesverband, stellt ebenfalls direkte Effekte der Corona-Situation auf das Arbeitsaufkommen der bundesweit etwa 6.500 Freiwilligen in den 104 Telefonseelsorge-Stellen fest. Er verweist auf eine k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte Studie der Universit\u00e4t Freiburg, die im Auftrag der Vereinten Nationen beleuchtet, inwieweit sich der Bedarf nach psychologischer Hilfe seit dem Ausbruch der Pandemie ver\u00e4ndert hat. Dort, wo lokale Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung des Covid-19-Virus besonders streng und umfassend ausfallen, h\u00e4tten die \u00f6rtlichen Telefonseelsorger besonders viel zu tun.<\/p>\n<p>\u00abIn den ersten Corona-Monaten lag das Augenmerk sehr auf Krisenmanagement, auf der Eind\u00e4mmung rein gesundheitlicher Risiken und dem Schutz besonders verletzlicher Gruppen. Dass dieser extreme Zustand und die damit verbundenen Ma\u00dfnahmen viele Menschen auch seelisch zeichnen, wird hingegen erst nach und nach deutlich\u00bb, betont Pastorin H\u00e4usler. Deshalb sei es entscheidend, nicht nur an Hygienekonzepten, Verhaltensregeln und guter medizinsicher Versorgung zu arbeiten, sondern auch umfassende psychosoziale Unterst\u00fctzung sicherzustellen.<\/p>\n<p>Annemarie Denecke leistet daf\u00fcr einen Beitrag. Knapp 30 Schichten im Jahr, mal tags\u00fcber, mal die ganze Nacht lang, sitzt sie im schlichten Beratungszimmer der hannoverschen Telefonseesorge. In einer Ecke des kleinen Raums steht eine gem\u00fctliche Polsterliege. Auf der k\u00f6nnte sie sich zwischendurch mal langmachen. Doch daran ist nicht zu denken. Das beigefarbene Tastentelefon auf dem Schreibtisch klingelt nahezu ununterbrochen. \u00abKlar, manche Schicht ist stressig, mitunter belastend, aber ich bekomme von den Menschen unendlich viel Zuspruch und Dankbarkeit zur\u00fcck\u00bb, sagt Denecke. \u00abUnd manchmal muss ich \u00fcberhaupt nicht viel tun. Oft reicht es, einfach zuzuh\u00f6ren.\u00bb<\/p>\n<p>Source: Kirche-Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hannover\/Berlin (epd). Annemarie Denecke erinnert sich noch gut an jene Tage, als die Corona-Krise die hannoversche Telefonseelsorge erreichte. Anfangs sei es vor allem um ganz handfeste Fragen&nbsp;gegangen: Soll ich mich auf Corona testen lassen, weil ich seit drei Tagen huste? Wie gro\u00df ist das Infektionsrisiko? Wie sch\u00fctze ich mich am besten? Doch dann, Ende M\u00e4rz, kamen mit Shutdown, Kontaktbeschr\u00e4nkungen und Abstandsgebot verst\u00e4rkt seelische N\u00f6te ins&nbsp;Spiel: Angst vor zerm\u00fcrbender Einsamkeit. Die Sorge, den ohnehin beschwerlichen Alltag nicht mehr meistern zu k\u00f6nnen, weil die sonst so hilfsbereiten Nachbarn auf Abstand gehen. 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