{"id":15737,"date":"2020-11-09T10:54:00","date_gmt":"2020-11-09T09:54:00","guid":{"rendered":"https:\/\/christusnews.de\/site\/holprige-aufarbeitung\/"},"modified":"2020-11-10T22:17:39","modified_gmt":"2020-11-10T21:17:39","slug":"holprige-aufarbeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/holprige-aufarbeitung\/","title":{"rendered":"Holprige Aufarbeitung"},"content":{"rendered":"<p>Seit zwei Jahren forciert die evangelische Kirche die Aufarbeitung von Missbrauch in ihren Reihen. Betroffene kritisieren un\u00fcbersichtliche Strukturen und fehlende Unabh\u00e4ngigkeit. Ein Betroffenenbeirat soll der EKD bei der Aufkl\u00e4rung helfen.<\/p>\n<p> Hannover (epd). Als Katharina Kracht in einer Nacht im August 2015 im Internet einen Hinweis auf eine Ansprechstelle f\u00fcr Opfer sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche findet, ist sie erleichtert. Sie habe nicht gez\u00f6gert, eine Mail an die angegebene Adresse zu senden und sich damit als Opfer zu offenbaren, schildert Kracht heute. \u00abIch glaubte, hier bin ich in sicheren H\u00e4nden, ich hab es doch mit der evangelischen Kirche zu tun.\u00bb Heute empfindet sie diese Annahme als \u00abnaiv\u00bb.<\/p>\n<p> Stattdessen sei sie auf einen Flickenteppich an zust\u00e4ndigen Stellen gesto\u00dfen, der intransparent und verwirrend sei. Sie sei in den 90er Jahren von einem Pfarrer ihrer Gemeinde \u00fcber mehrere Jahre missbraucht worden, berichtet Kracht in einem von Betroffenen organisierten Pressegespr\u00e4ch, kurz bevor das Kirchenparlament der evangelischen Kirche am Sonntag und Montag auch \u00fcber das Thema Missbrauch ber\u00e4t.<\/p>\n<p> Kracht ist eine von rund 881 Betroffenen sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche und in der Diakonie, die sich an die Kirche gewandt haben. Wie gro\u00df die Dunkelziffer ist, ist unklar.<\/p>\n<p> Nicht nur Kracht, sondern auch weitere Betroffene kritisieren die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und ihre 20 Landeskirchen f\u00fcr den Umgang mit den Opfern. Die Zentraleanlaufstelle \u00abhelp\u00bb, im vergangenen Jahr gegr\u00fcndet, verweise die Hilfesuchenden nur weiter an die bestehenden Ansprechstellen der Gliedkirchen. Es ist der \u00abFlickenteppich\u00bb, von dem Kracht spricht.<\/p>\n<p> Die zentrale Anlaufstelle ist ein Punkt im Elf-Punkte-Handlungsplan, den die EKD auf ihrer Synode 2018 beschlossen hat und von dem der zust\u00e4ndige Beauftragtenrat zum Schutz vor sexualisierter Gewalt am Montag auf der Synode sagte, alle Punkte seien entweder bereits umgesetzt oder bef\u00e4nden sich in der Umsetzung. Dazu z\u00e4hlt auch eine gro\u00dfe Aufarbeitungsstudie eines unabh\u00e4ngigen Forschungsverbunds, mit der im Dezember begonnen werden soll.<\/p>\n<p> \u00abDie Betroffenen sind nicht \u00fcberzeugt\u00bb, hei\u00dft es aber in einer Presseerkl\u00e4rung von Montag, die vier Betroffene, darunter auch Kracht, ver\u00f6ffentlicht haben. Die EKD bestimme n\u00e4mlich weitgehend selbst dar\u00fcber, wann ein Punkt abgearbeitet sei. Kracht und ihre Mitstreiter fordern daher Unabh\u00e4ngige Aufkl\u00e4rungskommissionen nach dem Modell des Unabh\u00e4ngigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung (UBSKM), Johannes-Wilhelm R\u00f6rig, damit die Aufkl\u00e4rungsarbeit der Kirche von staatlichen Stellen begleitet wird. Die EKD steht laut der bisherigen Sprecherin des Beauftragtenrates, Kirsten Fehrs, mit dem UBSKM in Verhandlungen. Die katholische Kirche etwa unterzeichnete eine Vereinbarung \u00fcber unabh\u00e4ngige Aufarbeitung bereits im Juni.<\/p>\n<p> Auch an den sogenannten Unabh\u00e4ngigen Kommissionen zur Anerkennung erlittenen Leids, die \u00fcber materielle Leistungen f\u00fcr Missbrauchsopfer entscheiden sollen, \u00fcben die Betroffenen Kritik. F\u00fcr ein einheitliches Verfahren ist auf EKD-Ebene eine Musterordnung erarbeitet worden, die Vergleichbarkeit und Transparenz \u00fcber alle Landeskirchen hinweg garantieren soll. Um Mittel zu erhalten, sollen die Betroffenen nachweisen, dass ein institutionelles Versagen der Kirche miturs\u00e4chlich f\u00fcr das erlittene Leid war, so steht es in Paragraf 3 der Musterordnung, die dem epd vorliegt.<\/p>\n<p> Das sei absurd, sagen die Betroffenen. Ein im September neu gegr\u00fcndeter Betroffenenbeirat hatte dem Entwurf der Musterordnung nach Aussage von Detlev Zander, Mitglied des Beirats, nicht zugestimmt. Fehrs sagte dem epd am Montag, unter Nachweis sei zu verstehen, dass Betroffene im Sinn einer Plausibilit\u00e4tspr\u00fcfung darlegen, dass der \u00dcbergriff durch eine Person der Kirche geschehen sei. Fehrs \u00e4u\u00dferte sich offen daf\u00fcr, die Formulierung zu \u00e4ndern, wenn sie von den Betroffenen derartig missverstanden werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p> Auf Betroffenenseite erz\u00fcrnt war man auch dar\u00fcber, dass keiner ihrer Vertreter zur Synode eingeladen wurde. Synodenpr\u00e4ses Irmgard Schwaetzer verwies am Montag auf die wegen der Pandemie verk\u00fcrzte und rein digital tagende Synode, zu der keinerlei G\u00e4ste geladen worden seien. Im kommenden Jahr sollten die Betroffenen aber wieder beteiligt werden, so ihre Empfehlung.<\/p>\n<p> F\u00fcr Kracht ist wichtig, dass in Zukunft alle Betroffenen auf transparente und verst\u00e4ndliche Strukturen treffen, gerade f\u00fcr diejenigen, die Schwierigkeiten im Umgang mit b\u00fcrokratischen Institutionen h\u00e4tten. Sonst w\u00fcrden gerade die Schw\u00e4chsten weiter benachteiligt. Sie hat sich entschieden, im Betroffenenbeirat der EKD f\u00fcr die Belange der Opfer sexualisierter Gewalt einzutreten.<\/p>\n<p>Kirche-Oldenburg<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.kirche-oldenburg.de\/aktuell\/news-niedersachsen\/artikel\/holprige-aufarbeitung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Holprige Aufarbeitung<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit zwei Jahren forciert die evangelische Kirche die Aufarbeitung von Missbrauch in ihren Reihen. Betroffene kritisieren un\u00fcbersichtliche Strukturen und fehlende Unabh\u00e4ngigkeit. Ein Betroffenenbeirat soll der EKD bei der Aufkl\u00e4rung helfen. Hannover (epd). Als Katharina Kracht in einer Nacht im August 2015 im Internet einen Hinweis auf eine Ansprechstelle f\u00fcr Opfer sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche findet, ist sie erleichtert. 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