{"id":16536,"date":"2021-02-09T00:01:00","date_gmt":"2021-02-08T23:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/christusnews.de\/site\/seid-getrost-zuhause\/"},"modified":"2021-02-09T22:17:20","modified_gmt":"2021-02-09T21:17:20","slug":"seid-getrost-zuhause","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/seid-getrost-zuhause\/","title":{"rendered":"Seid getrost zuhause"},"content":{"rendered":"<p>Der starke Wanja war \u00fcbrigens keineswegs immer schon so stark. Man erz\u00e4hlt sich, er habe ganze sieben Jahre im Haus einfach nur hinter dem Kachelofen gesessen. Dort in der wohligen W\u00e4rme knabberte er seine Sonnenblumenkerne. Ab und zu erprobte er seine St\u00e4rke und versuchte dazu, das Dach des Hauses nach oben zu stemmen. Da dies nicht m\u00f6glich war, habe er jeweils ein weiteres Jahr dort ausgeharrt.&nbsp;<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Dort hinter dem Ofen. Wozu? Um St\u00e4rke zu sammeln, innere und \u00e4u\u00dfere. Irgendwann sei es dann so weit gewesen. Er hob seine H\u00e4nde und legte die Handfl\u00e4chen probeweise an die Decke, vorsichtig schob er die Handfl\u00e4chen nach oben. Und tats\u00e4chlich: das Hausdach l\u00f6ste sich von den Grundmauern, ein winziger Spalt im Raum entstand. Kalte Luft bahnte sich ihren Weg ins Innere. Wanja war \u00fcberrascht &#8211; &nbsp;er konnte das Dach mit Leichtigkeit anheben! Noch etwas breiter wurde der Spalt. Der starke Wanja erblickte den Sternenhimmel. Klar und weit. Zum ersten Mal nach so langer Zeit. Behutsam senkte er das Dach zur\u00fcck auf die Mauern. Am n\u00e4chsten Morgen verlie\u00df er das Haus. Er brach auf zu legend\u00e4ren Taten und Abenteuern.&nbsp;<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Manch einer, manch einem von uns mag das Leben im eigenen Haus gerade so \u00e4hnlich vorkommen. Die Zeit dehnt sich. Die Kerne der Sonnenblume schmecken gut und sie n\u00e4hren, sie wecken aber auch die schmerzliche Sehnsucht nach den vollen braun-gelben Bl\u00fcten der Sonnenblume, die mit ihren tiefgr\u00fcnen Bl\u00e4ttern im Sommer f\u00fcr Frische und Lebensfreude stehen. &nbsp;&nbsp;<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Eine Frau im Homeoffice mit vielen digitalen Konferenzen am Tag klagt: \u201eIch habe hunderte Kontakte und f\u00fchle mich an Ende allein!\u201c. Eine andere Frau ruft fr\u00fch morgens kurz entschlossen bei den Kirchennummern auf der Homepage an. \u201eIst da jemand, der mir zuh\u00f6rt?\u201c&nbsp;<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> \u201eSt\u00e4rkt die m\u00fcden H\u00e4nde und macht fest die wankenden Knie!\u201c hei\u00dft es in der Bibel. Lockert die verkrampften Schulter- und Nackenmuskeln vom Homeoffice, schaut auf von euren Bildschirmen, \u201eSagt den verzagten Herzen: `Seid getrost, f\u00fcrchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!`\u201c &nbsp;<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Zuhause sein, im Haus sein \u2013 und dann? Wie geht es weiter? Wann sehen wir den klaren Sternenhimmel? Wann sp\u00fcren wir den verhei\u00dfungsvollen kalten Lufthauch des Drau\u00dfen? Wann brechen wir lebensfroh zu neuen Taten auf?&nbsp;<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Der starke Wanja wurde anscheinend ja gerade dadurch stark, dass er sieben Jahre lang geduldig im Haus ausgeharrt hatte. Er wartete, bis es soweit war. Bis er so weit war. Sonnenblumenkerne waren seine Nahrung, ein Kachelofen w\u00e4rmte ihn. Geduldig pr\u00fcfte er seine St\u00e4rke. Am Schluss hatte es keine Gewichte oder Hanteln gebraucht, er nahm einfach nur zu allein durch die W\u00e4rme des Ofens und die Nahrung der Blumensamen, durch das Alleinsein und die Zeit. Dies lie\u00df ihn seine innere und \u00e4u\u00dfere St\u00e4rke entwickeln, am Ende sogar ein ganzes Hausdach in die H\u00f6he zu stemmen. &nbsp;Ausgeruht und tatendurstig brach er dann auf\u2026&nbsp;<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> Manche nutzen gerade die h\u00e4usliche winterliche Zeit, um sich in aller Stille innerlich weiter zu entwickeln. Irgendetwas in ihnen m\u00f6chte wachsen, irgendetwas m\u00f6chte kommen. Sie nutzen die Zeit, um aufmerksam in sich hinein zu horchen. Was ist es? Ein neues Hobby, eine neue Aufgabe, ein neues Vorhaben oder eine andere Art des Lebens, des Umgangs miteinander? Was ist das Wahre, Klare, das in mir wachsen will?&nbsp;<br \/> &nbsp; &nbsp;<br \/> \u201eIn der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt \u00fcberwunden.\u201c Sagt Christus. Wie in einem Kokon darf ich mich gesch\u00fctzt entwickeln, in aller Ruhe mein inneres Geh\u00f6r entwickeln f\u00fcr die feinen T\u00f6ne und Stimmungen, die da in mir flie\u00dfen und str\u00f6men. Erfahre innere Weite und Freiheit, entwickle ein ruhiges, angemessenes Mitgef\u00fchl f\u00fcr meine Mitmenschen. Ich sp\u00fcre, auch wenn ich nicht sehe: In Menschlichkeit bin ich allen Menschen verbunden. In Gemeinschaft bin ich mit allen Christinnen und Christen verbunden in der Taufe, auch wenn ich sie gerade nicht sehe. Was wird kommen? Ich wei\u00df es nicht. Ich atme und lehne mich wohlig an meinen w\u00e4rmenden Ofen im Haus. Erwartungsvoll knabbere ich Sonnenblumenkerne.&nbsp;<\/p>\n<p><em>Julia Neuschwander \u2013 Pfarrerin, Leitung Referat Seelsorge<\/em><\/p>\n<p>Kirche-Oldenburg<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.kirche-oldenburg.de\/nc\/aktuell\/pressemitteilungen\/artikel\/seid-getrost-zuhause\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Seid getrost zuhause<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der starke Wanja war \u00fcbrigens keineswegs immer schon so stark. 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