{"id":16923,"date":"2021-03-16T10:00:00","date_gmt":"2021-03-16T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/christusnews.de\/site\/zwischen-erschoepfung-und-improvisation-wie-die-corona-krise-die-arbeit-von-pastorinnen-und-pastoren-veraendert\/"},"modified":"2021-03-17T10:18:26","modified_gmt":"2021-03-17T09:18:26","slug":"zwischen-erschoepfung-und-improvisation-wie-die-corona-krise-die-arbeit-von-pastorinnen-und-pastoren-veraendert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/zwischen-erschoepfung-und-improvisation-wie-die-corona-krise-die-arbeit-von-pastorinnen-und-pastoren-veraendert\/","title":{"rendered":"Zwischen Ersch\u00f6pfung und Improvisation &#8211; Wie die Corona-Krise die Arbeit von Pastorinnen und Pastoren ver\u00e4ndert"},"content":{"rendered":"<p>Hannover\/Hildesheim\/Salzgitter (epd). Bis Ostern wird sich die erhoffte Normalit\u00e4t auch in der Markusgemeinde in Lehrte bei Hannover noch nicht wieder einstellen. Die Pastorin der Gemeinde, Sophie Anca, plant deshalb einen Freiluftgottesdienst am Ostersonntag auf dem Kirchplatz. Nach einem Jahr Ausnahmezustand werden sich die Besucher kaum noch dar\u00fcber wundern, wenn Anca niemandem die Hand gibt.<\/p>\n<p>Stattdessen soll jeder eine Osterkerze bekommen. Am Nachmittag will Anca au\u00dferdem 300 Narzissen an Menschen aus ihrer Kirchengemeinde verteilen, w\u00e4hrend Kinder im Gemeindegarten nach Eiern suchen. Au\u00dferdem will die Markusgemeinde die Auferstehung Jesu per Zoom feiern. \u00abSo ist es seit einem Jahr: F\u00fcr alles m\u00fcssen neue L\u00f6sungen her. Und vieles planen wir unter Vorbehalt, weil unklar ist, wie sich die Pandemie entwickelt. Der Arbeitsaufwand ist enorm gestiegen\u00bb, sagt Anca.<\/p>\n<p>Die 48-j\u00e4hrige ist eine von rund 1.700 Pastoren in den Kirchengemeinden der evangelischen Landeskirchen in Niedersachsen und Bremen. Die Pandemie macht es ihnen schwer, das Gemeindeleben aufrechtzuerhalten und den Kontakt zu den Menschen vor Ort nicht zu verlieren. Doch die Not macht Anca und ihre Kollegen erfinderisch. Die digitalen Treffen mit den Konfirmanden etwa hat ihr Kollege einmal mit einer Ralley verbunden, um der Zoom-M\u00fcdigkeit zu begegnen.<\/p>\n<p>Viele der sonst ehrenamtlich engagierten Jugendlichen sehe sie jedoch gar nicht mehr, erz\u00e4hlt die Pastorin. Auf Nachfrage gestand ihr eine Mutter, wie angespannt das Miteinander zu Hause ist. Der Sohn liege niedergedr\u00fcckt im Bett und sei kaum zum Aufstehen zu bewegen.<\/p>\n<p>Oft ist es ein Drahtseilakt, pr\u00e4sent zu sein und dennoch Abstand zu halten. Der Pastor und Personalberater Tilman Kingreen nennt ein Beispiel: \u00abWas machen Sie, wenn Sie wegen eines Trauerfalls ins Wohnzimmer der Angeh\u00f6rigen kommen und alle dort weinend ohne Maske sitzen? Setzen Sie dann zuerst Ihr Hygienekonzept durch?\u00bb Kingreen ber\u00e4t Pastoren auf ihrem beruflichen Weg. Aus seiner Sicht ist es typabh\u00e4ngig, wie der Einzelne durch die Krise kommt. F\u00fcr manche bricht eine Welt zusammen, weil allt\u00e4gliche Routinen und Begegnungen fehlen. Andere wiederum haben Lust am Improvisieren und Spa\u00df an digitalen Formaten, etwa indem sie ihren Instagram-Kanal pflegen.<\/p>\n<p>Als Seelsorger sind sie dennoch unter Druck. \u00abPastoren nehmen viel stilles Leid war\u00bb, sagt Uwe Teichmann, der Propst von Salzgitter-Lebenstedt. In seiner Propstei musste eine Kita drei Monate lang schlie\u00dfen &#8211; eine Katastrophe f\u00fcr die Kinder und ihre Familien. Viele Senioren, sagt er, seien jetzt noch einsamer als ohnehin schon. \u00abDurch den Lockdown geht gerade viel seelisch kaputt, in unserer Gesellschaft, aber auch in der Pastorenschaft.\u00bb Nach seiner Erfahrung haben sich stabile Kontakte zu Kollegen und Gemeindemitgliedern w\u00e4hrend der Krise zwar vielfach intensiviert. Lockere Beziehungen lassen sich aber nur schwer pflegen oder aufbauen, wenn Geburtstagsbesuche und beil\u00e4ufige Begegnungen etwa an der Kirchent\u00fcr wegfallen.<\/p>\n<p>Die Landeskirchen Braunschweigs und Hannovers lassen den Gemeinden zwar die Freiheit, \u00fcber ihren Coronakurs weitgehend selbst zu entscheiden, in Abh\u00e4ngigkeit vom Infektionsgeschehen vor Ort und den personellen, r\u00e4umlichen und technischen M\u00f6glichkeiten. Das aber erzeugt neuen Rechtfertigungsdruck. \u00abDem m\u00fcssen Sie als Pastor standhalten, egal ob Sie eher zu den \u00c4ngstlicheren geh\u00f6ren, oder zu denen, die so viele Pr\u00e4senztreffen wie m\u00f6glich wollen\u00bb, sagt Teichmann. So kommt es vor, dass die eine Kirchengemeinde f\u00fcr den Sonntagmorgen in die Kirche einl\u00e4dt, die Nachbargemeinde aber den Gottesdienst per Video und Zoom in die H\u00e4user verlegt.<\/p>\n<p>Trost zusprechen, die Gemeinschaft f\u00f6rdern, f\u00fcr Menschen in der Not da sein: Es liegt in der Natur dieser Aufgaben, dass sie nie ganz erledigt sind. Pastoren m\u00fcssen sich dabei auch manchmal vor \u00fcberzogenen Erwartungen sch\u00fctzen, nicht erst seit Corona. Aus Sicht des Hildesheimer Superintendenten Mirko Peisert haben Ersch\u00f6pfung und Gef\u00fchle der Ohnmacht in der Pastorenschaft durch die Krise zugenommen. F\u00fcr ihn ist eine Kraftquelle der Gottesdienst in der Andreaskirche. \u00abAuf der Kanzel merke ich, wie viel von den Menschen zur\u00fcckkommt. Sie sind unheimlich dankbar f\u00fcr die Gemeinschaft. Wenn Sie in die Kamera predigen, fehlt Ihnen das.\u00bb<\/p>\n<p>Eine Bilanz, wie die Krise das Pfarramt und die Kirche ver\u00e4ndert, w\u00e4re verfr\u00fcht. Personalberater Kingreen und Pastorin Anca nehmen ein neues Bewusstsein f\u00fcr die Begrenztheit und die Endlichkeit des Lebens war. Mehr Menschen h\u00f6rten zu, wenn der Pastor \u00fcber existenzielle Fragen spreche. Tats\u00e4chlich wurden im Sommer mehr Gottesdienstbesucher in der Hildesheimer Andreaskirche und in der Lehrter Markuskirche gez\u00e4hlt als im Vorjahr. Dennoch wird die Pandemie der Kirche insgesamt wohl kaum neuen Zulauf bescheren. Die Kirchenleitungen wollen die Krise immerhin in puncto Digitalisierung als Chance verstehen.<\/p>\n<p>Superintendent Peisert, dem die pers\u00f6nliche Begegnung viel bedeutet, ist skeptisch. Er warnt vor Berufsoptimismus: \u00abWir neigen manchmal dazu, vorschnell \u00fcber Dinge hinwegzutr\u00f6sten. Wir sollten das Leid als das benennen, was es ist, und der Klage Raum geben.\u00bb Gleichzeitig gelte es, Geduld zu haben und zu hoffen, auf Ostern, und auf das Ende der Krise.<\/p>\n<p>Kirche-Oldenburg<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.kirche-oldenburg.de\/aktuell\/news-niedersachsen\/artikel\/zwischen-erschoepfung-und-improvisation-wie-die-corona-krise-die-arbeit-von-pastorinnen-und-pastore\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zwischen Ersch\u00f6pfung und Improvisation &#8211; Wie die Corona-Krise die Arbeit von Pastorinnen und Pastoren ver\u00e4ndert<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hannover\/Hildesheim\/Salzgitter (epd). 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