{"id":18043,"date":"2021-07-15T10:54:00","date_gmt":"2021-07-15T08:54:00","guid":{"rendered":"https:\/\/christusnews.de\/site\/ich-moechte-zeit-fuer-meine-patienten-haben-vom-chefarzt-zum-landarzt\/"},"modified":"2021-07-16T11:17:22","modified_gmt":"2021-07-16T09:17:22","slug":"ich-moechte-zeit-fuer-meine-patienten-haben-vom-chefarzt-zum-landarzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/ich-moechte-zeit-fuer-meine-patienten-haben-vom-chefarzt-zum-landarzt\/","title":{"rendered":"Ich m\u00f6chte Zeit f\u00fcr meine Patienten haben\u00bb &#8211; Vom Chefarzt zum Landarzt"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoPlainText\">Schwei (epd). Rush-Hour im Dorfidyll: Am Rande des 600-Seelen-Ortes Schwei in der nieders\u00e4chsischen Wesermarsch biegen Autofahrer, Radler und Fu\u00dfg\u00e4nger in einen schmalen Weg kurz vor dem Ortsausgang ein. \u00abArzt\u00bb steht unter dem Stra\u00dfenschild. Die Menschen heben die Hand zum Gru\u00df, nicken einander freundlich zu: \u00abMoin!\u00bb, \u00abWie geht s?\u00bb. Man kennt sich hier. Alle wollen noch schnell zum \u00abDoktor\u00bb &#8211; denn sie&nbsp;wissen: Um elf Uhr schlie\u00dft Maciej Tomtala seine Sprechstunde. Dann hat er eine Stunde Pause, bevor er zu seinen Hausbesuchen aufbricht.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Vor anderthalb Jahren hat der 49-j\u00e4hrige geb\u00fcrtige Pole die Praxis von seinem Vorg\u00e4nger \u00fcbernommen. Es ist eine Landarztpraxis wie im Bilderbuch. Das reetgedeckte Fachwerkhaus ist von Kastanienb\u00e4umen und Birken ges\u00e4umt. In einem Bachlauf quaken Fr\u00f6sche, im Garten summen die Bienen. Wer aus den Fenstern des Behandlungsraums blickt, verliert sich im endlosen Gr\u00fcn der Wesermarsch. In der Ferne weiden dicke, braune K\u00fche, noch weiter entfernt verschwimmen Windr\u00e4der mit dem blauen Horizont.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Am Nachmittag packt der Facharzt f\u00fcr Innere Medizin und Gastroenterologie die Arzttasche und setzt sich ins Auto, um jenen Patienten einen Hausbesuch abzustatten, die nicht mehr zu ihm kommen k\u00f6nnen. Tomtala liebt sein Leben als Landarzt. Fast 2.000 Patientinnen und Patienten betreut er im Quartal. \u00abWenn man flei\u00dfig ist, kann man gut verdienen\u00bb, sagt der begeisterte Segler und Hobbyfotograf.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Tomtalas Enthusiasmus teilen nicht viele seiner Kollegen. Nach Angaben der Kassen\u00e4rztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) wird die Zahl der Haus\u00e4rzte und Haus\u00e4rztinnen von heute rund 5.000 bis zum Jahr 2035 auf 3.750 sinken. 2004 gab es noch fast 6.000. Besonders betroffen von dem \u00c4rztemangel sind l\u00e4ndliche Gebiete. \u00abDie Sicherstellung der fl\u00e4chendeckenden Versorgung wird immer schwerer\u00bb, sagt der Sprecher der KVN, Detlef Haffke.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Nicht nur in Niedersachsen, in ganz Deutschland ist die Lage gravierend. Eine Studie der Robert-Bosch-Stiftung vom Mai hat ergeben: Fast 40 Prozent der deutschen Landkreise droht bis 2035 eine Unterversorgung mit Haus\u00e4rzten. Dann w\u00fcrden bundesweit 11.000 Stellen unbesetzt sein. Neben Niedersachsen seien besonders Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Baden-W\u00fcrttemberg betroffen.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">F\u00fcr diese Entwicklung gibt es der Studie zufolge mehrere Gr\u00fcnde: Zum einen gehen viele Haus\u00e4rzte in den Ruhestand &#8211; deutschlandweit sind es fast 30.000. Dieser Verlust kann nicht durch junge Medizinerinnen und Mediziner und durch zugewanderte \u00c4rzte wie Maciej Tomtala kompensiert werden. Zum anderen legen gerade junge \u00c4rztinnen und \u00c4rzte h\u00e4ufig mehr Wert auf die Work-Life-Balance als die Generation vor ihnen. Viele bevorzugen das Angestelltenverh\u00e4ltnis. Sie w\u00fcnschen sich feste Dienstzeiten, Teilzeitmodelle, p\u00fcnktlichen Feierabend, und sie wollen in Teams arbeiten und nicht allein eine Praxis verantworten.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Tomtala hat sich bewusst daf\u00fcr entschieden, auf dem Land in einer eigenen Praxis zu arbeiten. \u00abIch bin frei, mein eigener Herr. Das ist wunderbar\u00bb, sagt er. Anderthalb Jahre war der dreifache Vater Chefarzt in der Helios Klinik Wesermarsch in Nordenham. \u00abSo eine Konzernklinik ist nichts f\u00fcr mich\u00bb, sagt er. Immer sei es nur um Zahlen und Wirtschaftlichkeit gegangen. \u00abEs gab viel Druck und Stress.\u00bb Die Menschlichkeit sei viel zu kurz gekommen. \u00abIch m\u00f6chte Zeit f\u00fcr meine Patienten haben.\u00bb<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Dar\u00fcber freut sich die \u00e4ltere Dame, die heute als erstes auf Tomtalas Hausbesuchsliste steht. Sie lebt auf einem Hof in der Bauernschaft Schweierau\u00dfendeich, wenige Kilometer von Tomtalas Praxis entfernt. Sie ist geh- und sehbehindert und froh, dass der Arzt zu ihr nach Hause kommt. \u00abIch kann ja kein Auto mehr fahren\u00bb, sagt sie.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">F\u00fcr den \u00abOnkel Doktor\u00bb, wie sie Tomtala liebevoll nennt, hat sie alles vorbereitet. Die Krankenkassenkarte liegt im Wohnzimmer auf dem Couchtisch. Tomtala setzt sich zu ihr, klappt seinen Laptop auf und l\u00e4chelt. \u00abWie geht s?\u00bb, fragt er. \u00abIch kann nicht klagen\u00bb, sagt die Frau. Ihr Blutdruck ist gut. \u00abDen h\u00e4tte ich auch gern\u00bb, scherzt Tomtala und entfernt die Messmanschette von ihrem Oberarm. \u00abNa dann, maak good.\u00bb Die alte Frau lacht. \u00abDer Doktor ist prima\u00bb, sagt sie, \u00abder kann sogar schon platt.\u00bb<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Ein offenes Ohr haben, die richtige Ansprache finden, Zeit f\u00fcr einen Kl\u00f6nschnack: Tomtala wei\u00df, dass das wichtig ist. \u00abDas haben mir meine Arzthelferinnen beigebracht\u00bb, sagt er und lacht. Petra Schomaker ist eine von ihnen. Sie hat schon f\u00fcr Tomtalas Vorg\u00e4nger gearbeitet und kennt manchen Patienten seit 28 Jahren. \u00abMan muss die Leute zu nehmen wissen\u00bb, sagt sie. M\u00e4nner zum Beispiel t\u00e4ten sich oft schwer, zum Arzt zu gehen. \u00abDa kommt dann die Frau und sagt: &#8216;Meinem Hermann geht s nicht gut&#8217;.\u00bb<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge f\u00fcr den Hausarztmangel auf dem Land gibt es viele: Telemedizin, Gesundheitszentren, mobile Teams, die Landarztquote, die Bewerbern auch ohne Abi-Traumnote das Medizinstudium erm\u00f6glicht. Tomtala steht all diesen Vorschl\u00e4gen aufgeschlossen gegen\u00fcber. Aber eines, so sagt er, bleibe das&nbsp;Wichtigste: \u00abMenschlich sein und tolerant. Man muss seinen Beruf und die Patienten m\u00f6gen.\u00bb<\/p>\n<p>Kirche-Oldenburg<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.kirche-oldenburg.de\/\/aktuell\/news-niedersachsen\/artikel\/ich-moechte-zeit-fuer-meine-patienten-haben-vom-chefarzt-zum-landarzt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ich m\u00f6chte Zeit f\u00fcr meine Patienten haben\u00bb &#8211; Vom Chefarzt zum Landarzt<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schwei (epd). Rush-Hour im Dorfidyll: Am Rande des 600-Seelen-Ortes Schwei in der nieders\u00e4chsischen Wesermarsch biegen Autofahrer, Radler und Fu\u00dfg\u00e4nger in einen schmalen Weg kurz vor dem Ortsausgang ein. \u00abArzt\u00bb steht unter dem Stra\u00dfenschild. Die Menschen heben die Hand zum Gru\u00df, nicken einander freundlich zu: \u00abMoin!\u00bb, \u00abWie geht s?\u00bb. Man kennt sich hier. Alle wollen noch schnell zum \u00abDoktor\u00bb &#8211; denn sie&nbsp;wissen: Um elf Uhr schlie\u00dft Maciej Tomtala seine Sprechstunde. 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