{"id":2244,"date":"2015-06-04T10:44:00","date_gmt":"2015-06-04T08:44:00","guid":{"rendered":"http:\/\/christusnews.de\/site\/die-bilder-sind-noch-in-meinem-kopf\/"},"modified":"2015-06-04T10:44:00","modified_gmt":"2015-06-04T08:44:00","slug":"die-bilder-sind-noch-in-meinem-kopf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/die-bilder-sind-noch-in-meinem-kopf\/","title":{"rendered":"\u00abDie Bilder sind noch in meinem Kopf\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>Folter, Vergewaltigung, Trennung von der Familie &#8211; viele Fl\u00fcchtlinge haben Schreckliches erlebt. Sie brauchen dringend eine Psychotherapie. Aber es gibt viel zu wenige Pl\u00e4tze &#8211; und jetzt ist auch noch die Finanzierung in Gefahr.<\/p>\n<p>Hannover\/Berlin (epd). Fast ihr ganzes Leben lang war Louise Nkunda auf der Flucht. Als Vierj\u00e4hrige sah sie in ihrer Heimat Ruanda Menschen mordend durch die H\u00e4user ziehen. Die Familie floh in den benachbarten Kongo. Dort wurden ihr Vater und die Geschwister get\u00f6tet. In Deutschland, hofft die 24-J\u00e4hrige, kann sie nun zur Ruhe kommen. Vor vier Jahren ist sie hierher gekommen, allein, ohne Familie. Sie f\u00fchlt sich sicher &#8211; denn seit kurzem ist klar, dass sie auf Dauer als anerkannter Fl\u00fcchtling in Deutschland bleiben kann. \u00abAber die Bilder sind noch in meinem Kopf\u00bb, sagt Louise Nkunda in gebrochenem Deutsch. \u00abIch denke immer, warum bin ich allein?\u00bb<\/p>\n<p>So wie Nkunda, die eigentlich einen anderen Namen tr\u00e4gt, sind Sch\u00e4tzungen zufolge rund 20 bis 30 Prozent der Fl\u00fcchtlinge in Deutschland schwer traumatisiert. Sie ben\u00f6tigen dringend eine psychotherapeutische Behandlung. \u00abWeitere 30 bis 40 Prozent brauchen langfristig ebenfalls Unterst\u00fctzung, etwa durch psychologische oder psychosoziale Beratung\u00bb, sagt der Pr\u00e4sident der Berliner Bundespsychotherapeutenkammer, Dietrich Munz. Allein von den rund 200.000 Asylsuchenden des vergangenen Jahres ben\u00f6tigten also mindestens 40.000 m\u00f6glichst schnell eine Psychotherapie. Tats\u00e4chlich nahmen aber nur etwa 5.000 eine Behandlung auf.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Misere sind vielf\u00e4ltig. \u00abIn den Aufnahmelagern arbeiten zu wenige Fachleute, die eine Traumatisierung erkennen k\u00f6nnten\u00bb, sagt Munz. Denn in der Regel spr\u00e4chen die Fl\u00fcchtlinge nicht von sich aus \u00fcber die Grausamkeiten, die sie in ihrer Heimat oder auf der Flucht erlebt haben.<\/p>\n<p>Viele w\u00fcssten nicht, dass ihre \u00c4ngste, Schlaf- und Konzentrationsst\u00f6rungen, depressiven Stimmungen, Alptr\u00e4ume oder st\u00e4ndige Unruhe Teil einer Krankheit sind, die behandelt werden kann und muss. \u00abViele sch\u00e4men sich sogar f\u00fcr das, was sie erlebt haben\u00bb, sagt Munz, \u00abaus Scham schweigen sie und versuchen, ihr Leiden in den Alltag zu integrieren.\u00bb<\/p>\n<p>Auch Louise Nkunda hat lange gebraucht, bis sie Worte f\u00fcr die Bilder in ihrem Kopf fand. Sie leidet an Depressionen, hat st\u00e4ndig Kopfschmerzen und Schlafst\u00f6rungen. Immer wieder muss sie an ihre Mutter denken, von der sie als Kind getrennt wurde.<\/p>\n<p>Im Kongo hatten fremde Menschen sie aufgenommen. Doch dann wurde sie vergewaltigt. Da war sie 15. Sie floh zur\u00fcck nach Ruanda und irgendwann weiter nach Deutschland. Vor zwei Jahren kam Nkunda dann ins psychosoziale Zentrum f\u00fcr traumatisierte Fl\u00fcchtlinge nach Hannover. Dort merkten die Mitarbeiterinnen bald, dass eine Therapie unumg\u00e4nglich war.<\/p>\n<p>Doch die insgesamt 26 Zentren f\u00fcr traumatisierte Fl\u00fcchtlinge in Deutschland sind \u00fcberlastet und unterfinanziert, wie Elise Bittenbinder von der Bundesarbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Folteropfer in Berlin sagt. Bei niedergelassenen Psychotherapeuten ergibt sich das gleiche Bild: Patienten m\u00fcssen monatelang warten.<\/p>\n<p>Derzeit stehe auch noch eine eigentlich positive Neuregelung beim Asylbewerberleistungsgesetz einer schnellen psychosozialen Hilfe entgegen, sagt Karin Loos vom Netzwerk f\u00fcr traumatisierte Fl\u00fcchtlinge in Niedersachsen. Seit dem 1. M\u00e4rz erhalten Fl\u00fcchtlinge, die l\u00e4nger als 15 Monate in Deutschland sind, eine Krankenversicherung. Sie m\u00fcssen nun nicht l\u00e4nger jede Leistung einzeln bei den Sozial\u00e4mtern beantragen. Aber: Viele Psychotherapeuten und die meisten psychosozialen Zentren haben keine Kassenzulassung. Zudem erstatten die Kassen die Kosten f\u00fcr die dringend ben\u00f6tigten Dolmetscher nicht.<\/p>\n<p>Deshalb kann auch Nkunda ihre begonnene Therapie derzeit nicht fortf\u00fchren. Loos hatte f\u00fcr sie einen Therapeuten gefunden, der bereit war, sie mithilfe eines Dolmetschers zu behandeln. Die Kosten will nun aber niemand mehr \u00fcbernehmen. Die ersten Sitzungen haben ihr gut getan, sagt Nkunda. \u00abJetzt warte ich.\u00bb<\/p>\n<p>Die Situation wird sich bei den weiter ansteigenden Fl\u00fcchtlingszahlen noch versch\u00e4rfen, sagt Munz. Allein in den ersten vier Monaten 2015 haben bereits 114.000 Menschen einen Asylantrag gestellt. Die Psychotherapeutenkammer und die psychosozialen Zentren fordern Bund und L\u00e4nder auf, schnell Abhilfe zu schaffen: Der Gesetzgeber soll festlegen, dass von Anfang an eine psychotherapeutische Behandlung und die Dolmetscherleistungen finanziert werden. Das solle auch f\u00fcr die psychosozialen Zentren und die Psychotherapeuten ohne Kassenzulassung gelten.<\/p>\n<p>Wenn psychische Erkrankungen \u00fcber l\u00e4ngere Zeit unbehandelt bleiben, verschlimmern sich die Symptome. Die Betroffenen kapselten sich zunehmend ab, auch innerhalb ihrer Familien, sagt Loos. Dadurch stehe der wichtige famili\u00e4re Zusammenhalt auf dem Spiel. Menschen mit einem unbehandelten Trauma h\u00e4tten dar\u00fcber hinaus gro\u00dfe Schwierigkeiten beim Erlernen der deutschen Sprache oder eines Berufes.<\/p>\n<p>Louise Nkunda m\u00f6chte gerne Altenpflegerin werden. Zuerst muss sie aber den Sprachkurs beenden und einen Schulabschluss nachholen. Und sie hat noch einen ganz gro\u00dfen Wunsch f\u00fcr ihre Zukunft: \u00abIch m\u00f6chte eine Familie. Ich will nicht allein bleiben.\u00bb<\/p>\n<p>Source: Kirche-Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Folter, Vergewaltigung, Trennung von der Familie &#8211; viele Fl\u00fcchtlinge haben Schreckliches erlebt. Sie brauchen dringend eine Psychotherapie. Aber es gibt viel zu wenige Pl\u00e4tze &#8211; und jetzt ist auch noch die Finanzierung in Gefahr. Hannover\/Berlin (epd). Fast ihr ganzes Leben lang war Louise Nkunda auf der Flucht. Als Vierj\u00e4hrige sah sie in ihrer Heimat Ruanda Menschen mordend durch die H\u00e4user ziehen. Die Familie floh in den benachbarten Kongo. Dort wurden ihr Vater und die Geschwister get\u00f6tet. In Deutschland, hofft die 24-J\u00e4hrige, kann sie nun zur Ruhe kommen. Vor vier Jahren ist sie hierher gekommen, allein, ohne Familie. 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