{"id":26283,"date":"2024-01-23T11:45:00","date_gmt":"2024-01-23T10:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/christusnews.de\/site\/im-schatten-der-angst-verschickungskinder-studie-dokumentiert-schwarze-paedagogik\/"},"modified":"2024-01-24T22:18:26","modified_gmt":"2024-01-24T21:18:26","slug":"im-schatten-der-angst-verschickungskinder-studie-dokumentiert-schwarze-paedagogik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/im-schatten-der-angst-verschickungskinder-studie-dokumentiert-schwarze-paedagogik\/","title":{"rendered":"Im Schatten der Angst &#8211; Verschickungskinder: Studie dokumentiert schwarze P\u00e4dagogik"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoPlainText\">Bremen\/Borkum (epd). An die Sache mit der Taschenlampe kann sich Hans-Georg Bierbass noch gut erinnern. \u00abIch las mit der Taschenlampe unter der Decke und bin dabei erwischt worden\u00bb, berichtet der K\u00f6lner, der 1972 im Alter von zehn Jahren f\u00fcr sechs Wochen in das diakonische \u00abAdolfinenheim\u00bb auf die Nordseeinsel Borkum verschickt wurde. Zur Strafe musste er dann nachts auf dem gekachelten Fu\u00dfboden im Waschraum schlafen &#8211; ohne jede Decke oder Unterlage, nur im Schlafanzug.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Das Adolfinenheim steht f\u00fcr ein typisches deutsches Kindererholungsheim der Nachkriegszeit. \u00dcber einen Zeitraum von 75 Jahren wurden bis 1996 etwa 90.000 Jungen und M\u00e4dchen aus vielen Teilen Deutschlands zur Erholung oder auch zur Therapie in das Haus geschickt, unter anderem aus Bremen, Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Ziel war es, die Kinder aufzup\u00e4ppeln, weil sie in den Augen von \u00c4rzten, Eltern oder Lehrern zu blass, zu d\u00fcnn oder auch zu dick waren. Kinder-, Haus- oder Schul\u00e4rzte verschrieben die Kuren.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Doch statt der erhofften Erholung erlebten viele der \u00abVerschickungskinder\u00bb lieblose Behandlung, Angst und Zwang.&nbsp;Exemplarisch zeigen die Bremer Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht und ihr Kollege Achim Tischer nun in einer Dokumentation, die unterst\u00fctzt vom Diakonischen Werk und der evangelischen Kirche in Bremen entstanden ist, wie sehr die Kinder unter der schwarzen P\u00e4dagogik der Kurheime litten.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">\u00abZwischen Erholung und Zwang\u00bb lautet der Titel des Buches, f\u00fcr das die Historiker unter anderen mit Hans-Georg Bierbass gesprochen haben. Gef\u00fchle von Angst und Ohnmacht h\u00e4tten seine Zeit im Adolfinenheim gepr\u00e4gt, erinnert sich der heute 61-J\u00e4hrige. Das Selbstwertgef\u00fchl des damals schm\u00e4chtigen Jungen, der sich bei der Abfahrt noch \u00abv\u00f6llig gesund\u00bb f\u00fchlte, verwandelte sich in Wut und Hilflosigkeit. \u00abWut und Hilflosigkeit dar\u00fcber, dass die Bediensteten mit uns machen und lassen konnten, was sie wollten &#8211; und wir keine Chance hatten, uns dagegen zu wehren.\u00bb<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Die Bediensteten, das waren lange Zeit vor allem Schwestern aus dem Bremer Diakonissen-Mutterhaus. Ihre Machtposition und ihr autorit\u00e4r-konservativer Erziehungsstil h\u00e4tten die Atmosph\u00e4re im Haus gepr\u00e4gt, schildert Tischer: \u00abHinter den Mauern des v\u00f6llig abgeschotteten Hauses praktizierten die Diakonissen mit dem ihnen unterstellten Personal \u00fcber Jahrzehnte hinweg eine schwarze P\u00e4dagogik.\u00bb<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Dazu geh\u00f6rten ein scharfer Umgangston, grobes Vorgehen beim K\u00e4mmen, Haare ziehen, leichte Schl\u00e4ge auf den Kopf, schwere Schl\u00e4ge mit der offenen Hand auf das Ges\u00e4\u00df, Einsperren in dunklen R\u00e4umen, n\u00e4chtliches Aussperren in der kalten Dusche ohne Kleidung &#8211; und immer wieder Dem\u00fctigungen. So wurden Bettn\u00e4sser \u00f6ffentlich an den Pranger gestellt. Hans-Georg Bierbass berichtet: \u00abEin Junge, der ins Bett gemacht hatte, musste sich morgens mit dem nassen Bettlaken auf das Bett stellen und unendlich lange das Laken hochhalten. Wenn man abends ins Bett ging, hatte man also immer Angst und dachte: Hoffentlich passiert mir das nicht.\u00bb<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">\u00c4hnliche Schikanen und \u00dcbergriffe hat die geb\u00fcrtige Bremerin Ulrike Bergmann-Seifert erlebt. Sie war 1966 f\u00fcr acht Wochen auf Borkum und erinnert sich an seelische Brutalit\u00e4t und entsetzliches Heimweh. \u00abIm Adolfinenheim ging es um das Verwalten von Kindern, nicht ums Umsorgen\u00bb, bringt sie es auf den Punkt. Das habe Spuren hinterlassen &#8211; bis heute. \u00abIch habe zum Beispiel gro\u00dfe Probleme, mich auf andere zu verlassen\u00bb, sagt sie und ist \u00fcberzeugt: \u00abDas resultiert sicherlich auch aus dieser Zeit.\u00bb<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Sie habe jahrelang nicht dar\u00fcber gesprochen, was auf Borkum passiert sei, erg\u00e4nzt Ulrike Bergmann-Seifert. \u00dcberhaupt: Niemand fragte, was in den Kurheimen geschah, die Kinder trugen ihr Leid im Stillen &#8211; millionenfach. Mittlerweile gehen Betroffene selbst an die \u00d6ffentlichkeit und erz\u00e4hlen beispielsweise auf der Webseite <a href=\"http:\/\/www.verschickungsheime.de\">www.verschickungsheime.de<\/a> von ihren teils dramatischen Erlebnissen.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Dabei zeigt sich: Was auf Borkum geschah, waren keine Einzelf\u00e4lle und wurzelte in einer Gesellschaft, in der strenge und auch gewaltt\u00e4tige Erziehung genauso wie die Dem\u00fctigung von Kindern zum Alltag geh\u00f6rten. Die Berichte von Hans-Georg Bierbass und Ulrike Bergmann-Seifert zeigten eindrucksvoll das traumatisierende Grundrauschen des Heimalltags w\u00e4hrend der Kuren, res\u00fcmiert Tischer. Die Dokumentation biete den verletzten Kinderseelen m\u00f6glicherweise \u00abdie Chance, aus dem Nebel zu steigen und besser damit umzugehen\u00bb.<\/p>\n<p>Kirche-Oldenburg<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.kirche-oldenburg.de\/\/aktuell\/news-niedersachsen\/artikel\/im-schatten-der-angst-verschickungskinder-studie-dokumentiert-schwarze-paedagogik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Im Schatten der Angst &#8211; Verschickungskinder: Studie dokumentiert schwarze P\u00e4dagogik<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bremen\/Borkum (epd). An die Sache mit der Taschenlampe kann sich Hans-Georg Bierbass noch gut erinnern. \u00abIch las mit der Taschenlampe unter der Decke und bin dabei erwischt worden\u00bb, berichtet der K\u00f6lner, der 1972 im Alter von zehn Jahren f\u00fcr sechs Wochen in das diakonische \u00abAdolfinenheim\u00bb auf die Nordseeinsel Borkum verschickt wurde. 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