{"id":26392,"date":"2024-02-05T11:04:00","date_gmt":"2024-02-05T10:04:00","guid":{"rendered":"https:\/\/christusnews.de\/site\/psalmen-fuer-das-volk-500-jahre-evangelisches-gesangbuch\/"},"modified":"2024-02-06T22:18:31","modified_gmt":"2024-02-06T21:18:31","slug":"psalmen-fuer-das-volk-500-jahre-evangelisches-gesangbuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/psalmen-fuer-das-volk-500-jahre-evangelisches-gesangbuch\/","title":{"rendered":"\u00abPsalmen f\u00fcr das Volk\u00bb: 500 Jahre evangelisches Gesangbuch"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoPlainText\">Hannover (epd). Selbst wenn heute weniger gesungen wird: Das evangelische Gesangbuch ist keine Sache f\u00fcr verstaubte Kirchenarchive. Vor 500 Jahren begann mit den ersten gedruckten Exemplaren seine einzigartige Geschichte. Ein \u00abGrundbuch des Protestantismus\u00bb nennt es der Kieler Theologieprofessor Johannes Schilling. Dar\u00fcber hinaus aber ist es ein Liederbuch, das die deutsche Sprache, Literatur und Musik \u00fcber Jahrhunderte stark beeinflusst hat. Und dies immer noch tut.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Christian Lehnert, der als einer der sprachm\u00e4chtigsten deutschen Gegenwartslyriker gilt, spricht von einem \u00abgro\u00dfen Reichtum\u00bb, einem \u00abSchatz\u00bb. Bei der ersten Begegnung habe die Sprache des Gesangbuchs \u00abh\u00f6chstes Befremden\u00bb bei ihm ausgel\u00f6st, sagt der in der DDR sozialisierte Autor: \u00abDas Gesangbuch ist f\u00fcr mich ein Widerhaken in sprachlichen Konventionen, es spricht eine Sprache, die sonst nirgendwo so gesprochen wird.\u00bb Als Dichter staunte Lehnert zugleich dar\u00fcber, \u00abwie das Versma\u00df durch den Atem des Singens entstanden ist\u00bb.&nbsp;Das Gesangbuch sei ein Lehrbuch f\u00fcr die Verbindung von Sprache und Musik.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Von Anfang an waren in den Drucken Melodien verzeichnet. Das gilt auch f\u00fcr das \u00abAchtliederbuch\u00bb, das der N\u00fcrnberger Drucker Jobst Gutknecht um die Jahreswende 1523\/24 herausgab. Das B\u00fcchlein enthielt bereits vier Lieder von Martin Luther (1483-1526), darunter die Nachdichtung des 130. Psalms \u00abAus tiefer Not schrei ich zu dir\u00bb. Kurz darauf kam in Erfurt das \u00abEnchiridion\u00bb (Handb\u00fcchlein) heraus, versehen mit polemischen Seitenhieben gegen den alten Kirchengesang (\u00abGeschrei der Baalspriester\u00bb) &#8211; die weltweit einzige erhaltene Kopie eines dieser Werke lagert in Goslar. Und noch im selben Jahr erschien in Wittenberg das \u00abGeistliche Gesangsb\u00fcchlein\u00bb des Kantors Johann Walter mit 43 Liedern nebst Vorwort des Reformators. Es gilt als erstes Chorgesangbuch.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Bis zur Reformation sangen die Gemeinden w\u00e4hrend des Gottesdienstes keine geistlichen Lieder in der Volkssprache. Wie die Reformation dann den Gemeindegesang aufleben lie\u00df, beschreiben der Kirchenhistoriker Schilling und die Theologin Brinja Bauer in ihrem Buch \u00abSingt dem Herrn ein neues Lied\u00bb (2023). Demnach gab es zwar schon im Mittelalter volkst\u00fcmliche \u00abCantiones\u00bb (Ges\u00e4nge). In der katholischen Messe war das Singen der lateinischen Liturgie jedoch den Priestern vorbehalten. Dies sollte sich grundlegend \u00e4ndern.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Wer die frohe Botschaft des Evangeliums glaubt, \u00abder kans nicht lassen, er mu\u00df fr\u00f6hlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch h\u00f6ren und herkomen\u00bb, war Luther \u00fcberzeugt. F\u00fcr ihn war das Singen ein frommer Weg zu Gott.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Programmatisch schrieb er um 1523\/24 an Georg Spalatin, den Sekret\u00e4r des s\u00e4chsischen Kurf\u00fcrsten Friedrich dem Weisen: Er, Luther, habe den Plan, nach dem Beispiel der Propheten \u00abdeutsche Psalmen f\u00fcr das Volk zu schaffen, das hei\u00dft, geistliche Lieder, damit das Wort Gottes auch durch den Gesang unter den Leuten bleibt.\u00bb<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Zun\u00e4chst hatten den Kirchenhistorikern zufolge nur wohlhabende st\u00e4dtische B\u00fcrger ein Gesangbuch, w\u00e4hrend die \u00c4rmeren und weniger Gebildeten die Lieder, die Schulmeister und Kantoren ihnen beibrachten, auswendig lernten. Doch mit der Schulbildung wuchs stetig auch die Nachfrage nach den B\u00fcchern. Im 19. Jahrhundert besa\u00df nahezu jede Familie ein Gesangsbuch &#8211; und damit viel mehr als eine Liedersammlung, sondern ein Erbauungsbuch f\u00fcr alle Tage, Jahreszeiten und Feste, Glauben und Zweifel, Leben und Tod.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Seine Bl\u00fctezeit erlebte das Gesangbuch in der Barockzeit. Der Dichter Paul Gerhardt spendete mit Liedern wie \u00abBefiehl Du Deine Wege\u00bb und \u00abGeh aus mein Herz\u00bb angesichts von Entbehrungen und Grauen im 30-j\u00e4hrigen Krieg (1618-1648) Trost und Hoffnung. Die Tradition der Trostlieder setzte sich \u00fcber die Pietisten und ihre Jesus-Lieder fort bis zu Dietrich Bonhoeffers in Gestapo-Haft verfasstes Gedicht \u00abVon guten M\u00e4chten wunderbar geborgen\u00bb.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">In f\u00fcnf Jahrhunderten entstanden laut Schilling &#8211; bedingt durch die deutsche Kleinstaaterei &#8211; zwischen 7.000 und 8.000 evangelische Gesangbuch-Ausgaben. Dennoch trug das weit verbreitete protestantische Liedgut zur Gestaltung einer deutschen Literatursprache bei. \u00abDas Gesangbuch hat die Literatur durchdrungen\u00bb, sagt Schilling.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;Eine erste nationale Ausgabe kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg&nbsp;heraus: Das \u00abEvangelische Kirchengesangbuch\u00bb wurde ab 1950 eingef\u00fchrt. Etwa 40 Jahre sp\u00e4ter erschien &#8211; modernisiert und um neuere Lieder erg\u00e4nzt &#8211; das \u00abEvangelische Gesangbuch\u00bb, das heute noch in Gebrauch ist. Inzwischen befasst sich eine Kommission der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit einer weiteren Revision:&nbsp;Es soll eine Print- und eine umfassende Digital-Ausgabe geben. Um Textbearbeitung und Kanon wird hart gerungen.<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoPlainText\">Kirchenhistoriker und Dichter sind sich einig in dem Wunsch, es m\u00f6ge im neuen Gesangbuch eine \u00abkulturelle Kontinuit\u00e4t\u00bb (Schilling) erhalten bleiben und keine Abstriche an der literarisch-k\u00fcnstlerischen Qualit\u00e4t geben. Die \u00abTiefendimension religi\u00f6sen Singens\u00bb und sprachliche \u00abWiderborstigkeit\u00bb m\u00fcssten bewahrt werden, w\u00fcnscht sich Christian Lehnert. Nat\u00fcrlich sollten die Texte zug\u00e4nglich sein, aber sie sollten auch \u00abein Potenzial an Unerwartetem\u00bb bereithalten. Und Schilling ist wichtig, dass es erneut ein \u00abLebensbuch\u00bb wird.<\/p>\n<p>Kirche-Oldenburg<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.kirche-oldenburg.de\/\/aktuell\/news-niedersachsen\/artikel\/psalmen-fuer-das-volk-500-jahre-evangelisches-gesangbuch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00abPsalmen f\u00fcr das Volk\u00bb: 500 Jahre evangelisches Gesangbuch<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hannover (epd). Selbst wenn heute weniger gesungen wird: Das evangelische Gesangbuch ist keine Sache f\u00fcr verstaubte Kirchenarchive. Vor 500 Jahren begann mit den ersten gedruckten Exemplaren seine einzigartige Geschichte. Ein \u00abGrundbuch des Protestantismus\u00bb nennt es der Kieler Theologieprofessor Johannes Schilling. Dar\u00fcber hinaus aber ist es ein Liederbuch, das die deutsche Sprache, Literatur und Musik \u00fcber Jahrhunderte stark beeinflusst hat. Und dies immer noch tut. &nbsp; Christian Lehnert, der als einer der sprachm\u00e4chtigsten deutschen Gegenwartslyriker gilt, spricht von einem \u00abgro\u00dfen Reichtum\u00bb, einem \u00abSchatz\u00bb. Bei der ersten Begegnung habe die Sprache des Gesangbuchs \u00abh\u00f6chstes Befremden\u00bb bei ihm ausgel\u00f6st, sagt der in der&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"false","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[43],"tags":[44],"class_list":["post-26392","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kirche-oldenburg","tag-kirche-oldenburg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26392","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26392"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26392\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26393,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26392\/revisions\/26393"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26392"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26392"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26392"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}