{"id":3590,"date":"2016-01-28T14:39:00","date_gmt":"2016-01-28T13:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/christusnews.de\/site\/den-toten-namen-und-wuerde-wiedergeben\/"},"modified":"2016-01-28T14:39:00","modified_gmt":"2016-01-28T13:39:00","slug":"den-toten-namen-und-wuerde-wiedergeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/den-toten-namen-und-wuerde-wiedergeben\/","title":{"rendered":"Den Toten Namen und W\u00fcrde wiedergeben"},"content":{"rendered":"<p>Vor rund zwei Jahren, noch in der 9. Klasse, erfuhren die 35 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Freien Waldorfschule Oldenburg im Geschichtsunterricht von Lehrer Christian Hauck-Hahmann erstmals mehr \u00fcber das Thema Euthanasie. In der Folge konzentrierte sich die Klasse auf die Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus ganz in der N\u00e4he, n\u00e4mlich in der \u201eHeil- und Pflegeanstalt Kloster Blankenburg\u201c, als Kranke und Pflegebed\u00fcrftige get\u00f6tet wurden. \u201eUnsere Klasse beschloss, die Namen dieser Toten herauszufinden und wo sie begraben wurden, um ihnen ihre W\u00fcrde wiederzugeben\u201c, so die Sch\u00fclerin Lotte Gott. <\/p>\n<p>Stellvertretend f\u00fcr ihre Klasse stellten sie und ihr Mitsch\u00fcler Rasmus Helwig in einem Vortrag in der Oldenburger St. Lamberti-Kirche am Mittwoch, 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, die bisherigen Ergebnisse und den Zwischenstand des Projekts vor.<\/p>\n<p>\u201eDies ist eine wichtige Veranstaltung\u201c, begr\u00fc\u00dfte Stefan Buss, Pfarrer im Ruhestand, die Zuh\u00f6renden in der St. Lamberti-Kirche. \u201eWir sehen hier direkt in eine todbringende Vergangenheit, in der Menschen dadurch get\u00f6tet wurden, dass man sie unversorgt und schlie\u00dflich verhungern lie\u00df.\u201c <\/p>\n<p>Die Forschungen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler wurden inspiriert vom Theaterst\u00fcck \u201eBlankenburg\u201c am Oldenburgischen Staatstheater und begleitet vom Medizinhistoriker Dr. Ingo Harms. Es gelang, Namen und Schicksale von 95 der insgesamt wohl 103 get\u00f6teten Patientinnen und Patienten des Gertrudenheims zu identifizieren. <\/p>\n<p>Das Gertrudenheim, eine im 19. Jahrhundert gegr\u00fcndete Einrichtung f\u00fcr geistig behinderte Menschen, war von 1937 bis 1941 ins Kloster Blankenburg verlegt worden. \u201eWir haben Namen von Patienten in Kirchenb\u00fcchern gefunden sowie im Staats- und Stadtarchiv recherchiert\u201c, erz\u00e4hlte Lotte Gott. \u201eEs war ein beklemmendes Gef\u00fchl, die Namen und Sterbedaten zu finden und die Beschreibungen in den Krankenakten zu lesen, die wir angefordert hatten.\u201c So wurde einem der Patienten, der in Blankenburg starb, im Sprachgebrauch der Zeit eine \u201eschwere Idiotie\u201c diagnostiziert. <\/p>\n<p>\u201eDen Verwandten wurde weisgemacht, ihren Angeh\u00f6rigen ginge es im Gertrudenheim gut\u201c, erkl\u00e4rte Rasmus Helwig und zeigte alte Bilder eines idyllischen Gel\u00e4ndes, das mehr nach Urlaub als nach Anstalt aussieht. So schrieb die Mutter eines Patienten nach der Todesnachricht, ihr Kind w\u00e4re jetzt \u201eerl\u00f6st\u201c. Dabei mussten die Insassen des Gertrudenheims, viele davon Kinder und Jugendliche, einerseits hungern, andererseits in der Landwirtschaft arbeiten, fanden die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler heraus.<\/p>\n<p>Bestattet wurden die Toten \u2013 teils anonym \u2013 auf einem Friedhof auf dem Gel\u00e4nde des Klosters Blankenburg. 1941 wurde \u00fcber die Fl\u00e4che des Friedhofs ein Kesselhaus gebaut. \u201eIm Fr\u00fchling 2015 waren wir im Rahmen einer F\u00fchrung zum ersten Mal auf dem Klostergel\u00e4nde\u201c, so Lotte Gott. \u201eIch hatte mir vorgestellt, dass man es dem Ort ansieht, was da Schreckliches passiert ist, aber das war nicht so. Es sah wirklich so idyllisch aus wie auf den alten Bildern. Erst als wir auf das Kesselhaus zugingen, haben wir gemerkt, dass wir ja \u00fcber den ehemaligen Friedhof gelaufen sind, ohne es zu merken.\u201c <\/p>\n<p>Der Wunsch der Waldorf-Klasse, an der Stelle eine Infotafel anzubringen, wird sich wohl nicht erf\u00fcllen. Die Besitzer seien nicht kooperativ, sagten Gott und Helwig dazu in ihrem Vortrag.<\/p>\n<p>Ein neu angelegtes Gr\u00e4berfeld auf dem Neuen Friedhof hinter der Auferstehungskirche ist dagegen in Planung. Dorthin waren 52 Get\u00f6tete aus Blankenburg umgebettet worden. Angedacht sind Grabplatten mit den Namen und eine von Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern gestaltete Infotafel, au\u00dferdem wurden Ideen f\u00fcr die Gestaltung des Gr\u00e4berfelds entwickelt. Dazu arbeiten die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit der Friedhofsverwaltung und dem Volksbund Deutsche Kriegsgr\u00e4berf\u00fcrsorge zusammen.<\/p>\n<p>\u201eEs ist f\u00fcr uns wichtig, dass Jugendliche sich bei diesem Thema weiter so dahinterklemmen\u201c, sagte Elke Harms-Kranich, Vorsitzende des Gedenkkreises Wehnen e.V., nach dem Vortrag. Der Gedenkkreis wurde von Angeh\u00f6rigen von Patientinnen und Patienten gegr\u00fcndet, die zur Zeit des Nationalsozialismus in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Wehnen bei Oldenburg ermordet wurden. Harms-Kranich bedankte sich bei den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern f\u00fcr ihre \u201ebohrenden Fragen, die viel aufgedeckt haben\u201c.<\/p>\n<p>Vor dem Vortrag hatten die evangelische Citykirchenarbeit der Stadt Oldenburg und das katholische Forum St. Peter in einem \u00f6kumenischen Gottesdienst gemeinsam der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. In diesem Jahr standen Menschen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die in Blankenburg als Kranke und Pflegebed\u00fcrftige get\u00f6tet wurden. <\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic\">Ein Beitrag von Antje Wilken.<\/span><\/p>\n<p>Source: Kirche-Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor rund zwei Jahren, noch in der 9. Klasse, erfuhren die 35 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Freien Waldorfschule Oldenburg im Geschichtsunterricht von Lehrer Christian Hauck-Hahmann erstmals mehr \u00fcber das Thema Euthanasie. In der Folge konzentrierte sich die Klasse auf die Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus ganz in der N\u00e4he, n\u00e4mlich in der \u201eHeil- und Pflegeanstalt Kloster Blankenburg\u201c, als Kranke und Pflegebed\u00fcrftige get\u00f6tet wurden. \u201eUnsere Klasse beschloss, die Namen dieser Toten herauszufinden und wo sie begraben wurden, um ihnen ihre W\u00fcrde wiederzugeben\u201c, so die Sch\u00fclerin Lotte Gott. 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