{"id":4268,"date":"2016-05-25T11:47:00","date_gmt":"2016-05-25T09:47:00","guid":{"rendered":"http:\/\/christusnews.de\/site\/bildung-in-zeiten-von-marktmacht-und-individualisierung\/"},"modified":"2016-05-25T11:47:00","modified_gmt":"2016-05-25T09:47:00","slug":"bildung-in-zeiten-von-marktmacht-und-individualisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/bildung-in-zeiten-von-marktmacht-und-individualisierung\/","title":{"rendered":"Bildung in Zeiten von Marktmacht und Individualisierung"},"content":{"rendered":"<p>Wie k\u00f6nnen Menschen gut miteinander leben, ohne es auf Kosten anderer zu tun? Wie gelingt es jungen Menschen, selbstkritisch ihre Identit\u00e4ten zu bilden und zugleich solidarisch zu bleiben? Antworten und Ann\u00e4herungen zu diesen Fragen bot die Fachtagung \u201eWas braucht es, einen kritischen Menschen zu bilden?\u201c zu der die Ev. Akademie am Freitag, 20. Mai, ins Schlaue Haus in Oldenburg eingeladen hatte.<\/p>\n<p>Mit seinem Vortrag \u201eBildungsziele heute in evangelischer Sicht\u201c gab Dr. Friedrich Schweitzer, Professor f\u00fcr Praktische Theologie und Religionsp\u00e4dagogik an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen, Impulse zur anschlie\u00dfenden Diskussion. Ist das Ma\u00df aller Bildung tats\u00e4chlich das, was der Karriere \u2013 und der Wirtschaft \u2013 n\u00fctzt? Bildungs\u00f6konomisch erscheine dies konsequent, so Schweitzer, dennoch verneint er, denn: Fragen nach dem Menschenbild, nach religi\u00f6sen und philosophischen Traditionen blieben f\u00fcr das Bildungsverst\u00e4ndnis unverzichtbar. Dabei \u201eentgrenzten\u201c gerade religi\u00f6se Traditionen das Bildungsverst\u00e4ndnis. Hier werde Bildung in ein Verh\u00e4ltnis zur Transzendenz \u2013 biblisch gesprochen: zu Gott \u2013 gesetzt, auf diese Weise verhinderten sie ein h\u00e4ufig auf materielle Ziele verk\u00fcrztes Bildungsverst\u00e4ndnis. Gleichzeitig k\u00f6nne von religi\u00f6ser Bildung erst gesprochen werden, wenn Menschen in ein reflexives Verh\u00e4ltnis zu religi\u00f6sen \u00dcberlieferungen und Geltungsanspr\u00fcchen treten k\u00f6nnten, weil sie sich eine gewisse Distanz erarbeitet h\u00e4tten. Damit erhalte Bildung \u201eauch eine anti-fundamentalistische Wirkung\u201c. Bildung m\u00fcsse in einer multikulturellen und multireligi\u00f6sen Gesellschaft auch interreligi\u00f6se Kompetenzen einschlie\u00dfen \u2013 und zwar gerade im Blick auf die Arbeitswelt, insbesondere im Pflegebereich, betonte Schweitzer und verwies auf die \u201eAchtung von Scham und religi\u00f6s begr\u00fcndeter Pers\u00f6nlichkeitsrechte vor allem im Umkreis von Leiden, Sterben und Tod\u201c. Aber auch in vielen anderen Berufsfeldern \u2013 vom Finanzsektor bis zur Polizei \u2013 werde interreligi\u00f6se Bildung immer wichtiger.<\/p>\n<p>In der Schule m\u00fcssten reine Kenntnisse vermittelt werden, gleichzeitig aber d\u00fcrfe der Blick auf jedes Kind als Ganzes und auf seine Entwicklung als Pers\u00f6nlichkeit nicht verlorengehen, betonte Jens Aden vom Nieders\u00e4chsischen Kultusministerium in der anschlie\u00dfenden&nbsp; Diskussion, f\u00fcr die er gemeinsam mit Oberkirchenrat Detlev Mucks-B\u00fcker und Dr. Friedrich Schweitzer auf dem Podium sa\u00df. Dr. Barbara Moschner, Professorin f\u00fcr Lehr- und Lernforschung an der Uni Oldenburg, moderierte. Bildungseinrichtungen m\u00fcssten sich daran messen lassen, ob sie alle Kinder und Jugendlichen angesichts ihrer Gaben f\u00f6rdern, so Mucks-B\u00fcker, der f\u00fcr ein mehrdimensionales Verst\u00e4ndnis von Bildung pl\u00e4dierte: \u201eHier geht es um eine F\u00f6rderung des ganzen Menschen.\u201c Damit Schulen an die St\u00e4rken der Kinder ankn\u00fcpfen k\u00f6nnten, brauchten sie eine bessere materielle und personelle Ausstattung, machte er deutlich und sprach sich gegen den F\u00f6deralismus in der Schullandschaft aus: \u201eWir brauchen Ziele, die l\u00e4nder\u00fcbergreifend und l\u00e4ngerfristig als nur eine Legislaturperiode angesteuert werden.\u201c<\/p>\n<p>Sind wir eine Spa\u00dfgesellschaft? Diese Frage stellte Barbara Moschner in den Raum. Die Studenten heute sagten, ihre Sch\u00fcler sollten Spa\u00df am Unterricht haben, erz\u00e4hlte sie. \u201eIst das ein Problem der Studierenden oder eines unserer Gesellschaft, in der das Solidarit\u00e4tsprinzip und die Verantwortung f\u00fcr die Allgemeinheit nicht mehr so wichtig sind?\u201c Ihre These: Sch\u00fcler werden nicht mehr zu kritischen Menschen, sondern sollen lernen, in dieser Gesellschaft von Individuen zurechtzukommen. \u201eSpa\u00df haben\u201c sei f\u00fcr die heutigen Jugendlichen eine Metapher f\u00fcr \u201eSich wohlf\u00fchlen\u201c, entgegnete Schweitzer. Dabei setzten sie sich durchaus mit inhaltlichen Themen auseinander, \u201eauch das macht ihnen Spa\u00df\u201c. Die Phrase \u201eSpa\u00df haben\u201c beinhalte auch Angstfreiheit, Zufriedenheit, keine \u00dcberforderung bis zur Besch\u00e4mung zu erleben, erg\u00e4nzte Mucks-B\u00fcker. Er pl\u00e4dierte f\u00fcr eine \u201egekonnte Diskurskultur\u201c, die zu erlernen schon fr\u00fch anfangen m\u00fcsse. Sie erlebe an den Schulen eine immer st\u00e4rkere Infantilisierung, so Moschner. \u201eKinder und Jugendliche werden an den Schulen nicht ernst genommen \u2013 damit unterfordern wir sie\u201c, warnte sie. Man m\u00fcsse sich \u00fcber die Schule hinaus fragen, ob und wie die Gesellschaft Kinder ernst nehme, unterstrich Mucks-B\u00fcker und schlug den Bogen zur Jugendarbeit der Kirche. Auch hier falle es oft schwer, die Expertise der Jugendlichen anzuerkennen, sich auf ihre Perspektive einzulassen. Dabei sei es spannend zu sehen, wie sehr sie sich f\u00fcr ihre Belange einzusetzen bereit seien und wie stolz sie seien, wenn sie die Erfahrung machten, zur entscheidenden Entwicklung beigetragen zu haben.<\/p>\n<p>Kann Schule kritische Menschen hervorbringen? \u201eOft trauen sich Sch\u00fcler nicht, kritisch zu sein, weil sie davon ausgehen, dass sie f\u00fcr eine gute Note die Meinung des Lehrer vertreten sollten\u201c, so eine Meinung aus dem Publikum. \u201eWer kritisch ist, der eckt auch an. Und wir leben in einer Gesellschaft, in der jeder gefallen will\u201c, gab eine weitere Teilnehmerin zu bedenken. H\u00e4ufig seien die Menschen nur noch kritisch, wenn es ihr eigenes Wohlgef\u00fchl betreffe, lautete eine weitere Anmerkung. Stra\u00dfenbauprojekte, Neubauten ja \u2013 aber nicht vor der eigenen Haust\u00fcr. Dies sei mit dem evangelischen Gedanken eigentlich nicht vereinbar, so Schweitzer. \u201eVor dem evangelischen Hintergrund m\u00fcsste der Kritikbegriff gemeinwohlorientiert sein. Denn Kritik ist mehr, als nur f\u00fcr die eigenen Interessen einzutreten.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic\">Anke Brockmeyer<\/span><br \/>\nSource: Kirche-Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie k\u00f6nnen Menschen gut miteinander leben, ohne es auf Kosten anderer zu tun? Wie gelingt es jungen Menschen, selbstkritisch ihre Identit\u00e4ten zu bilden und zugleich solidarisch zu bleiben? Antworten und Ann\u00e4herungen zu diesen Fragen bot die Fachtagung \u201eWas braucht es, einen kritischen Menschen zu bilden?\u201c zu der die Ev. Akademie am Freitag, 20. Mai, ins Schlaue Haus in Oldenburg eingeladen hatte. 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