{"id":4667,"date":"2016-07-03T08:48:00","date_gmt":"2016-07-03T06:48:00","guid":{"rendered":"http:\/\/christusnews.de\/site\/trotz-reform-erfolgen-wir-werden-kleiner-aermer-und-aelter\/"},"modified":"2016-07-03T08:48:00","modified_gmt":"2016-07-03T06:48:00","slug":"trotz-reform-erfolgen-wir-werden-kleiner-aermer-und-aelter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/trotz-reform-erfolgen-wir-werden-kleiner-aermer-und-aelter\/","title":{"rendered":"Trotz Reform-Erfolgen: \u00abWir werden kleiner, \u00e4rmer und \u00e4lter\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>Hannover (epd). Im Juli 2006 hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ihr Impulspapier \u00abKirche der Freiheit\u00bb ver\u00f6ffentlicht. Im Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) zieht Mitautor Thies Gundlach selbstkritisch Bilanz. Der Vizepr\u00e4sident des EKD-Kirchenamts in Hannover spricht \u00fcber die Qualit\u00e4t kirchlicher Arbeit, die Missverst\u00e4ndlichkeit von Zielvorgaben und die Bremswirkung voller Kassen auf Reformen.<\/p>\n<p>epd: Kaum jemand spricht noch vom Reformprozess in der evangelischen Kirche. Was ist erreicht worden?<\/p>\n<p>Gundlach: Unsere Kirche ist meines Erachtens insgesamt profilierter und selbstbewusster geworden, sie kann mit der Wettbewerbs- und Marktsituation besser umgehen und ist in vielen organisatorischen Fragen professioneller geworden. Die kritische Diskussion hat uns gut getan &#8211; Kritik ist die protestantische Form der Wahrnehmung. Wobei das Impulspapier oft wie ein Verst\u00e4rker wirkte f\u00fcr \u00dcberlegungen und Prozesse, die an vielen Orten schon unterwegs waren.<\/p>\n<p>epd: Welche Prozesse laufen noch?<\/p>\n<p>Gundlach: Das Impulspapier hatte die Frage nach der Qualit\u00e4t kirchlicher Arbeit aufgeworfen; diese Frage ist naturgem\u00e4\u00df nie abschlie\u00dfend zu beantworten, Qualit\u00e4t muss immer wieder neu \u00fcberpr\u00fcft werden. Auch die Frage nach der Vielfalt von Gemeindeformen und innovativen geistlichen Angeboten wird man nie abschlie\u00dfen wollen.<br \/>Andere Impulse &#8211; zum Beispiel das Gemeinsame von Kirche und Diakonie st\u00e4rken oder die aktive Themenkommunikation &#8211; werden gegenw\u00e4rtig nicht allein auf der EKD-Ebene, sondern auf allen kirchlichen Ebenen angestrebt. Ich sehe ehrlich gesagt keine wirklichen Alternativen zu den zentralen Orientierungspunkten des Impulspapiers, falls der Reformdruck wieder zunehmen sollte.<\/p>\n<p>epd: Wo sehen Sie bleibenden Ver\u00e4nderungsbedarf?<\/p>\n<p>Gundlach: Im Grunde sind die vier Kernanliegen des Impulspapiers &#8211; geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivit\u00e4t; Schwerpunktsetzung statt Vollst\u00e4ndigkeit; Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an Strukturen und Au\u00dfenorientierung statt Selbstgen\u00fcgsamkeit &#8211; nach wie vor wichtige Kriterien f\u00fcr kirchliche Ver\u00e4nderungsprozesse. Der erste Punkt muss heute besonders betont werden, denn das einladende Zeugnis \u00fcber die Wahrheit, Freiheit und Sch\u00f6nheit unseres Glaubens ist wohl die zentrale Herausforderung jenseits aller organisatorischen Professionalit\u00e4t, die man auch von der Kirche erwartet.<\/p>\n<p>epd: Aus der Pfarrerschaft hatte es vor zehn Jahren massive Kritik gegeben angesichts der Forderungen nach h\u00f6herer Qualit\u00e4t und gr\u00f6\u00dferer Leistungsbereitschaft. W\u00fcrden Sie heute die Ziele einer Reform noch einmal so formulieren?<\/p>\n<p>Gundlach: Zehn Jahre sind in unserer hochtemperierten Gesellschaft eine lange Zeit, weswegen das Gleiche noch einmal zu sagen nicht mehr das Gleiche ist. Au\u00dferdem ist die Leitung der Kirche durch Zielvorgaben mittlerweile nahezu selbstverst\u00e4ndlich geworden. Allerdings habe ich auch noch keinen Weg gefunden, Ziele so zu formulieren, dass nicht auch mitschwingt: Wir wollen noch besser werden. Das empfindet mancher als Kritik.<\/p>\n<p>epd: Vor allem strukturell hat es in den vergangenen Jahren kaum gr\u00f6\u00dfere Ver\u00e4nderungen gegeben. So hat sich die Zahl von 23 Landeskirchen nicht halbiert, sondern ist auf 20 gesunken. Haben die konjunkturbedingt gut sprudelnden Kirchensteuereinnahmen den Reformdruck genommen?<\/p>\n<p>Gundlach: Ja, das haben sie! Aber zugleich bin ich zutiefst dankbar f\u00fcr diesen Segen, l\u00e4sst er uns doch nicht nur den Fl\u00fcchtlingen in Not helfen, die Pensionsforderungen sichern und n\u00f6tige Ver\u00e4nderungen in Ruhe umsetzen, sondern auch ein Jahrhundertjubil\u00e4um gestalten, das gro\u00dfe missionarische und orientierende Kraft entfalten kann.<\/p>\n<p>epd: Die EKD hatte sich \u00abWachsen gegen den Trend\u00bb zum Ziel gesetzt. In welchen Punkten ist das geschafft worden?<\/p>\n<p>Gundlach: Viele profilierte Gemeindeangebote und originelle Gottesdienstformate wachsen gegen den Trend; die Bildungsangebote von den evangelischen Schulen bis zu den Glaubenskursen wachsen ebenso wie die M\u00f6glichkeiten, am Verk\u00fcndigungsdienst unserer Kirche mitzuwirken. Das Engagement ehrenamtlicher Mitarbeit ist beeindruckend. Das alles kann aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass g\u00fcltig bleibt: Wir werden kleiner, \u00e4rmer und \u00e4lter.<\/p>\n<p>epd: In der Perspektivkommission der EKD sa\u00df damals nicht nur theologischer, sondern auch \u00f6konomischer Sachverstand. Im Papier \u00abKirche der Freiheit\u00bb wurden daher wie in einem Unternehmen Zielgr\u00f6\u00dfen beziffert &#8211; etwa wachsender Gottesdienstbesuch oder eine Taufquote. L\u00e4sst sich damit kirchliche Arbeit messen?<\/p>\n<p>Gundlach: Gottes Geist weht, wann und wo er will! Glaube l\u00e4sst sich nicht erzwingen und auch nicht \u00fcberpr\u00fcfen. Insofern sagt genau genommen auch ein guter Gottesdienstbesuch wenig \u00fcber den rechten Glauben aus. Aber: Wenn wir wollen, dass viele Menschen unsere Angebote annehmen, dann muss man die Frage stellen, ob wir dies durch bessere Qualit\u00e4t, einen g\u00fcnstigen Zeitpunkt oder eine ausf\u00fchrliche Vorbereitung bef\u00f6rdern k\u00f6nnen. Und wenn wir wollen, dass viele Kinder getauft werden, dann muss man die Frage stellen, ob wir m\u00f6glicherweise durch feste Tauftermine am Sonntagmorgen diesem Ziel im Weg stehen. Nat\u00fcrlich gewinnt die Formel von der Taufquote keinen Sch\u00f6nheitspreis, aber sie war provozierend genug, um jene Fragen in den Raum zu stellen.<\/p>\n<p>epd: In Ihrer Abteilung im EKD-Kirchenamt war ein Reformb\u00fcro installiert worden. Ihre Mitarbeitenden k\u00fcmmern sich jetzt aber vor allem um die Vorbereitung des Reformationsjubil\u00e4ums. Ist die weitere Umsetzung der Reformziele f\u00fcr die EKD kein Thema mehr?<\/p>\n<p>Gundlach: Die Vorbereitung des Reformationsjubil\u00e4ums ist \u00fcber weite Strecken die Fortsetzung der Reformanliegen f\u00fcr die EKD-Ebene. Zum Beispiel ist die Verabredung gemeinsamer Themenjahre f\u00fcr die zehn Jahre w\u00e4hrende Lutherdekade eine unmittelbare Umsetzung des Zieles, profilierte Themenagenda zu betreiben. Aber nat\u00fcrlich kann das EKD-Kirchenamt lediglich jene Impulse aus dem Reformpapier umsetzen, die auf der EKD-Ebene liegen; alles andere w\u00e4re \u00fcbergriffig.<\/p>\n<p>epd: Wie bereitet sich die EKD auf die Zeit nach den Feiern 2017 vor, angesichts drohender Einnahmeverluste in den folgenden Jahren? Steht dann das n\u00e4chste Reformpapier an?<\/p>\n<p>Gundlach: Die Beratungen \u00fcber eine Strategie f\u00fcr die Jahre nach 2017 hat der Rat der EKD bereits aufgenommen, ohne dabei wie gebannt auf m\u00f6gliche Einsparungen fixiert zu sein. Die Ergebnisse der letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung sind dabei ebenso im Blick wie die Reflexion der bisherigen Ver\u00e4nderungsprozesse. Und nat\u00fcrlich die Herausforderungen einer zunehmend auch laizistisch argumentierenden \u00d6ffentlichkeit. Dass sich der Rat f\u00fcr diese Strategiebildung Zeit nimmt, zeigt wie wichtig ihm dieses Anliegen ist.<br \/>\nSource: Kirche-Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hannover (epd). Im Juli 2006 hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ihr Impulspapier \u00abKirche der Freiheit\u00bb ver\u00f6ffentlicht. Im Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) zieht Mitautor Thies Gundlach selbstkritisch Bilanz. Der Vizepr\u00e4sident des EKD-Kirchenamts in Hannover spricht \u00fcber die Qualit\u00e4t kirchlicher Arbeit, die Missverst\u00e4ndlichkeit von Zielvorgaben und die Bremswirkung voller Kassen auf Reformen. epd: Kaum jemand spricht noch vom Reformprozess in der evangelischen Kirche. 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