{"id":5073,"date":"2016-09-14T08:39:00","date_gmt":"2016-09-14T06:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/christusnews.de\/site\/gewaltfreiheit-braucht-mut-interview-mit-dem-friedenstheologen-fernando-enns\/"},"modified":"2016-09-14T08:39:00","modified_gmt":"2016-09-14T06:39:00","slug":"gewaltfreiheit-braucht-mut-interview-mit-dem-friedenstheologen-fernando-enns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/gewaltfreiheit-braucht-mut-interview-mit-dem-friedenstheologen-fernando-enns\/","title":{"rendered":"&quot;Gewaltfreiheit braucht Mut&quot; &#8211; Interview mit dem Friedenstheologen Fernando Enns"},"content":{"rendered":"<p>Bremen\/Hamburg (epd). Der mennonitische Friedenstheologe Fernando Enns predigt an diesem Sonntag (18. September) im Abschlussgottesdienst des \u00f6kumenischen Stadtkirchentages auf dem Bremer Marktplatz. Im Gespr\u00e4ch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) fordert er von den Kirchen ein klares Bekenntnis zur gewaltfreien Konfliktl\u00f6sung ohne jeden Einsatz milit\u00e4rischer Gewalt.<br \/>\n<br \/><span style=\"font-style: italic\"><br \/><span style=\"font-weight: bold\">epd:<\/span> Herr Enns, wie sehen Sie die Rolle der Religionen in Konflikten? Sind sie Teil der L\u00f6sung oder Teil des Problems?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Fernando Enns: <\/span>Religionen sind immer in der Gefahr, dass sie missbraucht werden. Missbraucht f\u00fcr die Legitimation von Gewalt aufgrund irgendeiner h\u00f6heren Wahrheit, einer irgendwie gearteten g\u00f6ttlichen Legitimation, nach der vermeintlich Gewalt angewendet werden darf, um eine bessere Welt zu erreichen. Das ist fatal, weil Religionen viel eher Teil der L\u00f6sung des Problems sein k\u00f6nnten, wenn ihre Anh\u00e4nger die eigenen Quellen angemessen studieren und leben w\u00fcrden. Denn wir finden in allen Religionen den klaren Hinweis auf die Liebe zum N\u00e4chsten, zur N\u00e4chsten, den respektvollen Umgang mit Andersglaubenden, die klare Aufforderung, auf Gewalt zu verzichten und das Leben als geheiligt anzusehen, das unverf\u00fcgbar bleibt &#8211; egal, f\u00fcr welche Ziele. Dieses Potenzial der gewaltfreien Konfliktl\u00f6sung ist in allen Religionen vorhanden.<br \/>\n<br \/><span style=\"font-style: italic\"><br \/><span style=\"font-weight: bold\">epd:<\/span> Finden Sie, dass die Kirchen denn glaubw\u00fcrdig f\u00fcr Frieden und Gewaltlosigkeit eintreten?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Fernando Enns:<\/span> In der beispielsweise 2007 ver\u00f6ffentlichten Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland ist viel Kluges gesagt zum umfassenden Konzept des gerechten Friedens. Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten und nicht den Krieg, hei\u00dft es da. Dennoch: Ich w\u00fcnsche mir, dass sich die EKD von einer Ultima-Ratio-Argumentation verabschiedet, wenn sie meint, milit\u00e4rische Gewalt theologisch legitimieren zu k\u00f6nnen f\u00fcr bestimmte Ausnahmesituationen. Das relativiert das Eintreten f\u00fcr den gerechten Frieden.<br \/>\n<br \/><span style=\"font-style: italic\"><br \/><span style=\"font-weight: bold\">epd:<\/span> Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten&nbsp;\u2013 was hei\u00dft das aus Ihrer Sicht?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Fernando Enns:<\/span> Wer aufgrund seines christlichen Glaubens auf Gewaltfreiheit setzt, muss mit dem Gegner, mit dem Feind zusammen denken. Auch wenn dieser Feind b\u00f6sartig erscheint, provoziert, Gewalt einsetzt. Es kommt darauf an, dann der Versuchung zu widerstehen, sich in eine Gewaltspirale hineinziehen zu lassen.<\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic\"><br \/><span style=\"font-weight: bold\">epd:<\/span> Sie w\u00fcrden sich auch mit Terroristen an einen Tisch setzen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Fernando Enns:<\/span> Unbedingt. Weil ich gar keine andere M\u00f6glichkeit sehe. Wie soll ich denn sonst einen Konflikt l\u00f6sen wollen? Dass das nicht ohne Risiko und manchmal auch nicht ohne Lebensgefahr geschieht, ist offensichtlich. Aber genau das haben wir auch, wenn wir meinen, uns hinter Waffensystemen verstecken zu k\u00f6nnen. Gewaltfreiheit braucht Mut. Und es gibt keine Erfolgsgarantie zur L\u00f6sung von Konflikten. Aber die gibt es beim Eintreten in eine Gewaltspirale und in eine Sicherheitspanik mit noch mehr Waffen und noch mehr Gewalt schon gar nicht.<\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic\"><span style=\"font-weight: bold\">epd:<\/span> Und trotzdem sprechen immer mehr Politiker vom Krieg gegen den Terrorismus&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Fernando Enns:<\/span> So ist es. Und ich kann es nicht begreifen, denn diese Kriegsrhetorik f\u00fchrt unweigerlich in eine Gewaltlogik mit der man glaubt, terroristische Aktivit\u00e4ten unterbinden zu k\u00f6nnen. Doch das hat meines Erachtens noch nie zu einem Erfolg gef\u00fchrt &#8211; Erfolg im Sinne von tats\u00e4chlicher Befriedung. Also warum behandeln wir das, was wir leider in Frankreich und in Belgien sehen mussten, nicht als das, was es ist, n\u00e4mlich als kriminellen Akt? Und f\u00fcr kriminelle Akte haben wir einen Rechtsstaat und eine Polizei, die v\u00f6llig anders ausgebildet ist als das Milit\u00e4r. Die auf Aufkl\u00e4rung, Gewaltreduzierung, auf Gewalteind\u00e4mmung ausgerichtet ist &#8211; und nicht auf eine Potenzierung von Gewalt.<\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic\"><span style=\"font-weight: bold\">epd:<\/span> Um Gewaltspiralen die Kraft zu nehmen&nbsp;\u2013 wo muss Ihres Erachtens das Bem\u00fchen um Frieden beginnen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Fernando Enns:<\/span> Ich glaube nicht, dass es einen vorgeordneten und einen nachgeordneten Frieden gibt. Ich glaube, dass es im Bem\u00fchen um einen gerechten Frieden in der weltweiten \u00d6kumene um Gleichzeitigkeiten geht &#8211; und um verschiedene Dimensionen des gerechten Friedens. Friede in der doch sehr ungerechten Wirtschaft, Friede in der Sch\u00f6pfung, Frieden zwischen V\u00f6lkern, Frieden in kleinen Gemeinschaften. Und was wir bisher vielleicht noch zu wenig beachtet haben, ist die Dimension des Friedens mit sich selbst, die f\u00fcr mich entscheidend ist. Denn nur, wer im Frieden, im Reinen mit sich selbst ist, strahlt Frieden aus und kann ihn weitergeben.<\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic\"><span style=\"font-weight: bold\">epd:<\/span> Was kann das hei\u00dfen? <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Fernando Enns:<\/span> Ich glaube, dass zu einem gewaltfreien Verhalten auch eine gewisse Spiritualit\u00e4t notwendig ist, die wir nicht einfach so haben, sondern die wir ein\u00fcben m\u00fcssen, mit anderen zusammen. Sie macht uns st\u00e4rker, macht uns Mut, r\u00fcstet uns aus mit einer Widerstandskraft gegen alle Versuchungen, Gewaltverhei\u00dfungen zu erliegen. Spiritualit\u00e4t ein\u00fcben, das kann f\u00fcr die einen hei\u00dfen, sich auf einen Pilgerweg zu machen, f\u00fcr andere, sich in Gruppen zusammenzutun, um sich gegenseitig Mut zu machen. Und auch im Gebet, im gemeinsamen Gottesdienst, im Abendmahl liegen viel Kraft und Friedenspotenzial, denn an diesen Stellen geht es immer um die Vers\u00f6hnung, die Gott uns schenkt. Gleichzeitig ist damit eine Einladung und die Aufforderung verbunden, Vers\u00f6hnung unter den Menschen und mit der Natur zu stiften.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\"><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Zum Weiterlesen:<\/span><br \/>Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen\/Hamburg<br \/>EKD-Friedensdenkschrift 2007<br \/>Stadtkirchentag Bremen<br \/>\n&nbsp;&nbsp;<br \/>\nSource: Kirche-Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bremen\/Hamburg (epd). Der mennonitische Friedenstheologe Fernando Enns predigt an diesem Sonntag (18. September) im Abschlussgottesdienst des \u00f6kumenischen Stadtkirchentages auf dem Bremer Marktplatz. Im Gespr\u00e4ch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) fordert er von den Kirchen ein klares Bekenntnis zur gewaltfreien Konfliktl\u00f6sung ohne jeden Einsatz milit\u00e4rischer Gewalt. epd: Herr Enns, wie sehen Sie die Rolle der Religionen in Konflikten? Sind sie Teil der L\u00f6sung oder Teil des Problems? Fernando Enns: Religionen sind immer in der Gefahr, dass sie missbraucht werden. Missbraucht f\u00fcr die Legitimation von Gewalt aufgrund irgendeiner h\u00f6heren Wahrheit, einer irgendwie gearteten g\u00f6ttlichen Legitimation, nach der vermeintlich Gewalt angewendet werden darf,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"false","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[43],"tags":[44],"class_list":["post-5073","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kirche-oldenburg","tag-kirche-oldenburg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5073","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5073"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5073\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5073"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5073"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5073"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}