{"id":5360,"date":"2016-11-13T20:26:00","date_gmt":"2016-11-13T19:26:00","guid":{"rendered":"http:\/\/christusnews.de\/site\/das-sinnlose-und-widergoettliche-des-krieges\/"},"modified":"2016-11-13T20:26:00","modified_gmt":"2016-11-13T19:26:00","slug":"das-sinnlose-und-widergoettliche-des-krieges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/das-sinnlose-und-widergoettliche-des-krieges\/","title":{"rendered":"\u201eDas Sinnlose und Widerg\u00f6ttliche des Krieges\u201c"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: bold\">Kriegsspuren auf der Suche nach Friedenszeichen: Bischof Jan Janssen gestaltete die Gastpredigt zur Friedens-Dekade am Sonntag in der Dresdner Frauenkirche mit dem ersch\u00fctternden Briefwechsel einer jungen Gemeindehelferin und eines Pastors, der als Soldat im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront stirbt.<br \/><\/span><br \/>Noch vor dem Ende erhebt sich Sprecher Stephan Bischof und verl\u00e4sst den Platz am Altarraum. Den Brief Jochens hat er noch zu Ende gelesen. Geschrieben hatte der 27 Jahre alte Pastor ihn am 14. August 1941 als Wehrmachtssoldat an der Ostfront. Das Schrecklichste bleibt darin nur angedeutet: von einem \u201eb\u00f6sen Tag\u201c ist die Rede. \u201eGut, dass du nicht alles siehst und wei\u00dft, es ist manchmal nicht sch\u00f6n.&quot; Es ist der letzte Brief an seine vier Jahre j\u00fcngere Verlobte Rosi aus Celle, die in Berlin-Dahlem zur Gemeindehelferin ausgebildet wird. <\/p>\n<p>Sprecherin Tina Kleefeldt liest deren Briefe nun im Angesicht eines leeren Tisches. Rosi schreibt von Sehnsucht nach einem gemeinsamen Leben mit Jochen, wie sie von einer Zukunft im Frieden tr\u00e4umt. Es ist der ergreifendste Moment f\u00fcr die Besucherinnen und Besucher dieses Gottesdienstes in der Dresdner Frauenkirche. Hier vernehmen sie die Stimme einer jungen Frau, die die schreckliche Nachricht vom Tod ihres Verlobten auf dem Schlachtfeld in Russland nur noch nicht erreicht hat.<\/p>\n<p>Bischof Jan Janssen hat in seiner Gastpredigt w\u00e4hrend der Friedens-Dekade Ungew\u00f6hnliches gewagt: Eingebaut hat er Ausz\u00fcge aus dem Briefwechsel von jungen Menschen w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges. Jener Pastor ist sein Uronkel. Ein sehr pers\u00f6nliches Zeugnis, mit dem die Zuh\u00f6renden Menschen jener Zeit und ihrer Denkweise sehr nahe kommen. \u201eEs sind Kriegsspuren auf der Suche nach Friedenszeichen\u201c, sagt Jan Janssen.<\/p>\n<p>Drei Mal haben sich die beiden gesehen, als sie sich verloben. Jochen ist bereits Soldat. Die Zeilen, welche die beiden tauschen, durchzieht ein scharfer Kontrast: Erinnerungen an ihr Zusammensein, Freude an der gro\u00dfen Ruhe der Natur, romantisches Mondlicht und Sternenn\u00e4chte, zugleich jedoch Verdunkelung, Angst vor Fliegerangriffen, Ausharren im Luftschutzbunker. Bange Sorgen um den Anderen und immer wieder gegenseitige Versicherung des Gottvertrauens.<\/p>\n<p>Eine tief verinnerlichte Haltung zeigt sich, die damals normal gewesen ist: Sie rei\u00dfen sich zusammen, sind zum Dienst bereit. Immer wieder ist die Rede von \u201eAusharren, Warten, unsere Pflicht tun\u201c. Sacht nur melden sich Zweifel. Beide stellen sich die Frage nach dem gro\u00dfen Warum? Einmal wechselt Rosi ein paar Worte mit einem franz\u00f6sischen Kriegsgefangenen, der bei ihnen Holz hackt. \u201eDie V\u00f6lker sehnen sich nach Frieden\u201c, sagt der. Und: \u201eEs gibt keinen Gott.\u201c Er hat die Hoffnung aufgegeben, an der die beiden verzweifelt festhalten: dass in allem ein Sinn liegen muss, der sich im tiefen Glauben an Gott erschlie\u00dft. Protest findet man selten; nur kurz blitzt er auf in einem Satz wie diesem von Rosi: \u201eDas Sinnlose und Widerg\u00f6ttliche des Krieges ist grauenhaft!\u201c <\/p>\n<p>Mehr ist f\u00fcr beide undenkbar. \u201eSo nahe uns ihre Geschichte geht, so n\u00fcchtern wird sichtbar, was Menschen m\u00f6glich und unm\u00f6glich ist\u201c, sagt Bischof Janssen. \u201eSie werden zum funktionierenden Rad im Getriebe, zu einer schweigsamen S\u00e4ule des Systems. War schon der Horizont ihrer Wahrnehmung zu eng \u2013 so hat ihre kritische Distanz erst recht zu kurz gegriffen.\u201c <\/p>\n<p>Um ein Haar w\u00e4ren diese Zeugnisse verloren gegangen. Schon hatte Rosi, die Diakonisse, verf\u00fcgt, die Packen, insgesamt etwa 600 Briefe, nach ihrem Tod zu verbrennen. Dann aber kamen ihr Zweifel. Sie fragte Jan Janssen, ob Menschen seiner Generation noch Interesse an so etwas h\u00e4tten. Vor zehn Jahren ist sie mit fast 86 Jahren gestorben. <\/p>\n<p>Zusammen mit seiner Schwester hat Jan Janssen die S\u00fctterlinschrift der Briefe entziffert und abgeschrieben. Nun k\u00f6nnen auch andere, j\u00fcngere sie lesen. Menschen, denen solche Kriegserfahrungen v\u00f6llig fremd sind, weil sie in einem Mitteleuropa leben, in dem Menschen gelernt haben, \u201e\u00fcber Grenzen, Gr\u00e4ben und Grausamkeit hinweg zusammen zu leben in einem Miteinander, das der nationalen, kulturellen und religi\u00f6sen Vielfalt Raum gibt\u201c. <\/p>\n<p>Doch in vielen anderen L\u00e4ndern spielen sich, wenn auch auf ganz andere Weise, heute wom\u00f6glich \u00e4hnlich schlimme menschliche Trag\u00f6dien ab wie die zwischen Jochen und Rosi. Deshalb mahnt Bischof Janssen: \u201eNun darf unser Horizont nicht enden an den scheinbar weit weg ger\u00fcckten Grenzen, wo wir die Konflikte klein reden, wo wir die Kriege, die da vonstattengehen, nicht erkennen, wo bei uns produzierte Waffen Kriegsspuren hinterlassen.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic\">Ein Beitrag von Tomas G\u00e4rtner. <br \/><\/span><br \/>\nSource: Kirche-Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kriegsspuren auf der Suche nach Friedenszeichen: Bischof Jan Janssen gestaltete die Gastpredigt zur Friedens-Dekade am Sonntag in der Dresdner Frauenkirche mit dem ersch\u00fctternden Briefwechsel einer jungen Gemeindehelferin und eines Pastors, der als Soldat im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront stirbt.Noch vor dem Ende erhebt sich Sprecher Stephan Bischof und verl\u00e4sst den Platz am Altarraum. Den Brief Jochens hat er noch zu Ende gelesen. Geschrieben hatte der 27 Jahre alte Pastor ihn am 14. August 1941 als Wehrmachtssoldat an der Ostfront. Das Schrecklichste bleibt darin nur angedeutet: von einem \u201eb\u00f6sen Tag\u201c ist die Rede. \u201eGut, dass du nicht alles siehst und&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"false","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[43],"tags":[44],"class_list":["post-5360","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kirche-oldenburg","tag-kirche-oldenburg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5360","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5360"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5360\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5360"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5360"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5360"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}