{"id":5614,"date":"2016-12-22T09:29:00","date_gmt":"2016-12-22T08:29:00","guid":{"rendered":"http:\/\/christusnews.de\/site\/sich-nirgends-bequem-einrichten\/"},"modified":"2016-12-22T09:29:00","modified_gmt":"2016-12-22T08:29:00","slug":"sich-nirgends-bequem-einrichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/sich-nirgends-bequem-einrichten\/","title":{"rendered":"&quot;Sich nirgends bequem einrichten&quot;"},"content":{"rendered":"<p>Die evangelische Kirche feiert 500 Jahre Reformation &#8211; und Ludwig G\u00fcttler feiert mit. Denn der Musiker, der unter anderem den Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden vorantrieb, wei\u00df, welche Kr\u00e4fte das Reformieren freisetzen kann. Auch wenn Ver\u00e4nderungen zun\u00e4chst riskant erscheinen. <\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Herr G\u00fcttler, die evangelische Kirche feiert 500 Jahre Reformation. Warum feiern Sie mit? <\/span><\/p>\n<p>Luther hat ja selbst gesagt: Eine Kirche, die reformiert, muss st\u00e4ndig reformiert werden. Das ist der entscheidende Anspruch: Sich nirgends bequem einzurichten, auch in scheinbar Erfolgreichen. Sondern Ermutigung zu ziehen aus dem, was gelungen ist, und die Verpflichtung daraus abzuleiten, weiter, konsequenter, tiefer, nachhaltiger zu f\u00fchlen, zu denken und zu handeln. Das hei\u00dft auch, mal ins Risiko zu gehen und nicht nach dem Motto zu leben: &quot;Ich s\u00e4e erst, wenn ich wei\u00df, dass ich auch ernte.&quot; Dass wir das Kirchturmdenken hinter uns lassen, ist mir ein wichtiges Anliegen als Reformationsbotschafter. Luther hat das vorgelebt, indem er das Neue Testament ins Deutsche \u00fcbersetzt hat. Was das damals bedeutet hat, k\u00f6nnen wir uns heute mit unseren vielen technischen M\u00f6glichkeiten gar nicht mehr vorstellen: Ein gro\u00dfer Teil der Menschen konnte nicht lesen und schreiben und kannte die Bibelgeschichten nur vom Vorlesen. Ich suche immer nach Menschen, die wie Luther etwas ver\u00e4ndern wollen. Die nicht einfach anderen Menschen Vorschl\u00e4ge machen, was sie zu machen h\u00e4tten, sondern sich selbst einbringen. <\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Wo ist Ihnen das gelungen? <\/span><\/p>\n<p>Ein Beispiel: Ende der Siebzigerjahre haben wir f\u00fcr die Schlosskirche in Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt, einen Orgelfonds aufgelegt, obwohl es vielen Leuten erst einmal nicht begreiflich zu machen war, dass die ja noch funktionierende Orgel irgendwann eine Erneuerung braucht. Aber wir haben trotzdem Konzerte gegeben, um einen Grundstock f\u00fcr den Fonds aufzubauen. Auch wenn wir nicht wussten, ob die nachfolgende Generation die Notwendigkeit, eine Orgel zu bauen, \u00fcberhaupt noch empfindet. Aber auch gegen einen Trend oder eine Mehrheit von Bedenkentr\u00e4gern das Wichtige und Richtige tun, hat etwas mit Reformation zu tun. Das haben wir auch beim Wiederaufbau der Frauenkirche erlebt. Er hat damals gro\u00dfe Unruhe hervorgerufen, auch viel Gegenwehr. Wenn wir uns ausschlie\u00dflich nach dem Willen der demokratischen Instanzen gerichtet h\u00e4tten, h\u00e4tten wir sofort von dem Begehren Wiederaufbau ablassen m\u00fcssen. Und wir h\u00e4tten heute nicht die Gelegenheit, durch die Frauenkirche zu gehen. <\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Welche Frage w\u00fcrden Sie Luther stellen, wenn Sie mit ihm durch die Kirche gingen? <\/span><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde ihn fragen, was er den Menschen in der gegenw\u00e4rtigen politischen Situation zurufen w\u00fcrde. Ich glaube, er w\u00fcrde auf die christlichen Tugenden eingehen, die bildhaft in der Kuppel beschrieben sind: Glaube, Liebe, Hoffnung und Barmherzigkeit. Und er w\u00fcrde mit allem Nachdruck darauf hinweisen, dass das Gleichnis vom barmherzigen Samariter heute und jetzt dran ist. <\/p>\n<p>&nbsp;<br \/><span style=\"font-weight: bold\">Luther war ein Mann der kurzen Worte. Was w\u00fcrde er den Menschen zurufen? <\/span><\/p>\n<p>Seid dankbar daf\u00fcr, wie es euch geht! Schaltet das Gehirn nicht aus, sondern eure Wahrnehmung ein &#8211; im Unterschied zum Rest der Welt!<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Hat Dankbarkeit auch etwas mit Gnade zu tun, die bei Luther ja ganz wichtig war? <\/span><\/p>\n<p>Nun, da steht er ja im Gegensatz zu vielen anderen, wenn er sagt: &quot;Du kannst ein gottgef\u00e4lliges Leben f\u00fchren und alle tollen Werke vollbringen, das bringt dich aber keinen Punkt dem Himmel n\u00e4her. Du musst nur akzeptieren, dass Gott dir einfach nah ist und dir nahe kommt, das musst du einfach zulassen. Du bist nicht daran gebunden, H\u00f6chstleistungen zu bringen.&quot; Bei den Olympischen Spielen gelten nur die Sportler mit Goldmedaillen als Gewinner, ab der Silbermedaille beginnen die Verlierer, wenn es nach dem Urteil derer geht, die zu Hause auf dem Sofa sitzen und keine 100 Meter zustande bringen. Das ist doch pervers. Aber Luther sagt: &quot;Die Gnade ist das, was du nicht erringen kannst, aber du musst wissen, dass sie f\u00fcr dich da ist.&quot; Ich muss mir das immer wieder bewusst machen. Denn viele Lebensprozesse sind ja durch S\u00e4en und Ernten gekennzeichnet, durch Arbeit und ihr Ergebnis. Die Gnade Gottes dagegen ist eine Belohnung, die du bekommst, auch wenn du nichts getan hast. <\/p>\n<p>&nbsp;<br \/><span style=\"font-weight: bold\">Die Reformation begann damit, dass Martin Luther seine 95 Thesen in Wittenberg ver\u00f6ffentlichte. Welche These w\u00fcrden Sie heute an eine Kirchent\u00fcr schlagen? <\/span><\/p>\n<p>Etwas Radikales: Tue recht und scheue niemand, egal wie er hei\u00dft und was er f\u00fcr ein Amt hat! Ja, tue recht und scheue niemand! Freu dich \u00fcber das, was du mitbekommen hast an Gaben und Begabung, werde dir dessen gewiss, arbeite mit Menschen zusammen, die dir das auch best\u00e4tigen und du es ihnen. Und wisse, dass wenn du eine Begabung hast, darin auch eine Verpflichtung liegt, sie zu verlebendigen und zu realisieren! Das bedeutet Reformation f\u00fcr mich als Musiker: In dem, was mir geschenkt ist, die Aufgabe zu erkennen, es so gut wie m\u00f6glich zu machen. In Dankbarkeit und Demut gegen\u00fcber allem, mit dem ich arbeite: der Komposition, dem Willen des Komponisten, der unglaublichen Leistung des Instrumentenmachers, der mein Instrument gebaut hat. Und das gegen alle Widrigkeiten, die das Leben bereit h\u00e4lt, immer wieder durchsetzen und vervollkommnen zu wollen, in dem Bewusstsein, dass das ein Prozess ist, der kein Ende hat.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Was sollte das Reformationsjubil\u00e4um in der evangelischen Kirche bewirken? <\/span><\/p>\n<p>Es w\u00e4re wunderbar, wenn wir uns dessen bewusst werden, was das Reformieren f\u00fcr Kr\u00e4fte freisetzen kann. Die Kr\u00e4fte derer, die etwas bewegen k\u00f6nnen, weil sie es sich zutrauen &#8211; und das sind ja immer die wenigsten -m\u00fcssen geschont und bef\u00f6rdert werden. Sie sollen sich nicht in b\u00fcrokratischen Prozessen verbrauchen m\u00fcssen. Au\u00dferdem hoffe ich, dass in der Kirche mehr Begeisterung, mehr Schwung, mehr Luft unter den Fl\u00fcgeln zu bemerken ist. Und ich w\u00fcnsche mir, dass das Reformationsjubil\u00e4um nicht auf Luther verk\u00fcrzt wird. Viele, viele Leistungen, die in der Geschichte hinter dem Namen Luther verblasst sind, m\u00fcssten gerade jetzt hervorgeholt werden. Zum Beispiel Melanchthons Leistungen: Ohne ihn g\u00e4be es die heutige Schule und das Bildungssystem nicht. Was ich zudem sehr beklage, ist der Antisemitismus von Martin Luther. Da ist die Sprache der Kirche heute nicht mutig genug. <\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\"><br \/>Von Luther stammt der Spruch: &quot;Wenn ich w\u00fcsste, dass morgen die Welt unterginge, w\u00fcrde ich heute noch ein Apfelb\u00e4umchen pflanzen.&quot; Was w\u00fcrden Sie machen? <\/span><\/p>\n<p>Wenn ich w\u00fcsste, dass morgen die Welt untergeht, w\u00fcrde ich versuchen, Luther zu \u00fcbertreffen: Ich w\u00fcrde zwei Apfelb\u00e4umchen pflanzen!<br \/>\n<span style=\"font-style: italic\"><br \/><\/span><br \/>\n<span style=\"font-style: italic\"><br \/><\/span><br \/>\n<span style=\"font-style: italic\">Ein Interview des evangelischen Magazins chrismon.<\/span><br \/>\nSource: Kirche-Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die evangelische Kirche feiert 500 Jahre Reformation &#8211; und Ludwig G\u00fcttler feiert mit. 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