{"id":6242,"date":"2017-03-18T00:06:00","date_gmt":"2017-03-17T23:06:00","guid":{"rendered":"http:\/\/christusnews.de\/site\/markus-luepertz-im-dialog-mit-ludwig-muenstermann\/"},"modified":"2017-03-18T00:06:00","modified_gmt":"2017-03-17T23:06:00","slug":"markus-luepertz-im-dialog-mit-ludwig-muenstermann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/markus-luepertz-im-dialog-mit-ludwig-muenstermann\/","title":{"rendered":"Markus L\u00fcpertz im Dialog mit Ludwig M\u00fcnstermann"},"content":{"rendered":"<p>Sie haben die gleichen Initialen, beide lieben die Provokation, ihre Gedankenwelt kreist h\u00e4ufig um mythologische Figuren und antike Gottheiten. Ludwig M\u00fcnstermann und Markus L\u00fcpertz verbindet offenbar mehr als sie die 400 Jahre trennt, die zwischen ihren Lebenszeiten liegen. W\u00e4hrend Ludwig M\u00fcnstermann nicht nur in unserer Region im Bewusstsein der Menschen rege vorhanden ist und allm\u00e4hlich auch \u00fcberregional als gro\u00dfer Bildhauer und K\u00fcnstler des 17. Jahrhunderts wahrgenommen wird, ist Markus L\u00fcpertz l\u00e4ngst im Olymp der gegenw\u00e4rtigen Kunstszene angekommen und sieht sich nicht ganz uneitel als Malerf\u00fcrst mit eindeutigem Interesse an mythologischen Figuren und antiken Skulpturen. <\/p>\n<p>Diese Vorlieben trieben ihn wohl auch ins Berliner Bodemuseum, um dort w\u00e4hrend einer dreiw\u00f6chigen Umbauphase in der Werkstatt den h\u00f6lzernen \u201eApoll aus Varel\u201c, einem oft bezeichneten Hauptwerk M\u00fcnstermanns, genauer in Augenschein zu nehmen. Mit gro\u00dfen Papierb\u00f6gen, Kohlestiften, Kreiden und Gouachefarben bewaffnet, n\u00e4herte sich L\u00fcpertz der Skulptur M\u00fcnstermanns, studierte sie zeichnerisch, \u00fcberh\u00f6hte sie, legte farbige Schichten dazu, setzte Ornamentfragmente dagegen. Immer mit einem lockeren, dominanten, spielerisch wirkenden Pinselduktus. Gerade auch Kopf und K\u00f6rperhaltung scheinen L\u00fcpertz besonders interessiert zu haben. <\/p>\n<p>96 Arbeiten entstanden auf diese Weise, Zeugnis eines rauschhaften Dialoges mit einem vor vier Jahrhunderten im Norddeutschen durchaus bekannten und gesch\u00e4tzten Meisterholzschnitzers. 14 dieser Zeichnungen sind nun in der Vareler Schlosskirche St. Petri noch bis zum 7. April jeweils dienstags bis sonntags von 15 bis 19 Uhr zu sehen. Die Ausstellung ist ein Vareler Beitrag zum Gedenkjahr der Reformation.<\/p>\n<p>Bei der Vernissage am Freitag kamen viele Kunstinteressierte, die sich die Originalzeichnungen eines der ber\u00fchmtesten deutschen Maler nicht entgehen lassen wollten. Pfarrer Tom Brok freute sich \u00fcber die k\u00fcnstlerische Begegnung zu F\u00fc\u00dfen des wohl imposantesten M\u00fcnstermannaltares, der neben den Holzarbeiten auch solche aus Alabaster und Sandstein beinhaltet und sehr farbpr\u00e4chtig mit etlichen Goldverzierungen daherkommt. \u201eWillkommen im l\u00fcstergl\u00e4nzenden Kunstraum Ludwig M\u00fcnstermanns\u201c, begr\u00fc\u00dfte Brok die G\u00e4ste und gab zu bedenken: \u201eWas w\u00fcrden wir darum geben, wenn noch heute das 1615 erschaffene Orgelprospekt, aus dem der Apoll stammt, vorhanden w\u00e4re?\u201c Dem Ungl\u00fcck des Verlustes stehe aber nun das Gl\u00fcck des Werkes von Markus L\u00fcpertz gegen\u00fcber. Zur musikalischen Gestaltung trugen Kantor Thomas Meyer-Bauer und Kantorin Dorothee Bauer mit einer beeindruckenden Improvisation zum Thema Apoll und David bei. <\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">\u201eNichts Neues\u201c<br \/><\/span>Bischof Jan Janssen las zur Einf\u00fchrung aus dem Buch des Predigers 1,1-10, in dem es um die Reden des K\u00f6nig Davids geht, der nach dem Sinn aller Dinge fragt, die doch immer wiederzukehren scheinen. Er f\u00fchle sich an ein sinnliches Wort aus Bibelversen erinnert, angesichts der Bilder, erkl\u00e4rte der Bischof: \u201eDas Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr h\u00f6rt sich niemals satt.\u201c <\/p>\n<p>\u201eNichts Neues\u201c, so nannte L\u00fcpertz seine Werkbl\u00e4tter zu Apoll und eben dies wisse das Weisheitsbuch der Bibel schon lange: \u201eNichts Neues unter der Sonne \u2013 weder im Wirken des Menschen, noch sogar in der ganzen Sch\u00f6pfung\u201c. Und einige Momente sp\u00e4ter: \u201eWelche Freude \u00fcber Davids Musik und Salomons Weisheit! Welche Lust an Ludwig M\u00fcnstermanns Werken und an den eindr\u00fccklichen Arbeiten von Markus L\u00fcpertz unter diesem bescheiden sich einreihenden Motto Nichts Neues!\u201c Bischof Janssen bedankte sich bei allen, die zum Gelingen der anregenden Ausstellung und Begegnung beigetragen haben. Finanziell gef\u00f6rdert wurde die Ausstellung durch die Ev.-Luth. Kirche Oldenburg, den F\u00f6rderkreis der Schlosskirche St. Petri, den Vareler Gemeindekirchenrat, die Oldenburgische Landschaft und die Kurverwaltung Dangast. &nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Fruchtbare Symbiose<br \/><\/span>\u00dcber \u201eMarkus L\u00fcpertz und die mythologischen Figuren\u201c in seinem Werk berichtete Dr. Jutta Moster-Hoos, Leiterin des Horst-Janssen-Museum in Oldenburg, die 2012 bereits eine Ausstellung mit Arbeiten L\u00fcpertz organisiert hatte und den Maler pers\u00f6nlich kennenlernen konnte hat. Die Heroen und Figuren L\u00fcpertz entspr\u00e4chen nicht g\u00e4ngigen Sch\u00f6nheitsidealen, sie seien unf\u00f6rmig und knubbelig, erkl\u00e4rte Moster-Hoos. Er entwickelte f\u00fcr sich die Dithyrambische Malerei, abgeleitet vom griechischen Dithyrambus. Es handelt sich um ein leidenschaftlich erregtes, st\u00fcrmisches Loblied auf den Gott Dyonisos. In \u00fcbertragener Bedeutung meint es einen begeisterten Lobgesang. Bei der Dithyrambe geht potenziell alles ineinander \u00fcber, es gibt nichts Isoliertes. L\u00fcpertz verbindet die Gegens\u00e4tze von Gegenst\u00e4ndlichkeit und Abstraktion zu einer Synthese. Auch antike G\u00f6tter seien bei L\u00fcpertz nicht vollkommen.<\/p>\n<p>Von einer fruchtbaren Symbiose von Kunst und Kirche, die leider durch den ersten Weltkrieg unwiderruflich zerst\u00f6rt worden sei, sprach Dr. Dietmar Ponert in seiner Laudatio. Der Berliner Kunsthistoriker gilt als M\u00fcnstermann-Experte und hat unter anderem das 2016 erschienene Buch \u201eLudwig M\u00fcnstermann\u201c mitverfasst. F\u00fcr ihn k\u00f6nne es nur den Imperativ geben: \u201eKunst in der Kirche!\u201c Die Praxis jedoch zeige eine \u201eKunst f\u00fcr die Kirche\u201c auf einer Ebene der angewandten Kunst, welche sich eher in der Funktionalit\u00e4t erf\u00fclle, als eine autonom fordernde Wirkung zu zeitigen. <\/p>\n<p>Auf abenteuerlichen Wegen kam die Figur des Apoll ins Bodemuseum. Einst zierte sie das 1615 geschaffene Orgelprospekt auf der Westempore des Langhauses in der Schlosskirche. Ihr gegen\u00fcber stand der biblische K\u00f6nig David, der einst im musikalischen Wettstreit mit dem Musengott Apoll stand.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">Schroffe Provokation<br \/><\/span>Im Jahr 1861 wurde die betagte Orgel komplett abgerissen und bis auf den Apoll ist fast nichts \u00fcbriggeblieben vom einstigen prachtvollen M\u00fcnstermannwerk. Der Direktor des Oldenburger Landesmuseums, Herbert Wolfgang Keiser, sp\u00fcrte die Skulptur in Vareler Privatbesitz auf und vermittelte sie schlie\u00dflich in die Skulpturensammlung der Staatlichen Museen nach Berlin-Dahlem. <\/p>\n<p>Wie M\u00fcnstermann einst die ausgewogenen Proportionen der klassisch sch\u00f6nen Figuren \u201er\u00fccksichtslos und provokant missachtet habe und seinem pers\u00f6nlichen unbegrenzten Ausdruckswillen unterworfen\u201c habe, so verfremde auch L\u00fcpertz auf sehr \u00e4hnliche Weise die \u00fcberkommenen und vom Betrachter erwarteten \u00e4sthetischen Eigenschaften antiker Idealit\u00e4t, so Ponert. Er verfolge offenbar eine Absicht zur schroffen Provokation des Publikums in seiner reflektorischen Erwartungshaltung. <\/p>\n<p>\u201eDie Gestaltungsmittel einer extremen Expressivit\u00e4t, wie sie Markus L\u00fcpertz anwendet, dienen also dem schockierenden Effekt einer spontanen Ablehnung des Betrachters in Best\u00fcrzung und Emp\u00f6rung\u201c, beschrieb der Kunsthistoriker die Arbeitsweise. Und er sprach von einer \u201ewahrhaft gro\u00dfartigen und beeindruckenden fruchtbaren Zusammenarbeit zweier Bildhauer, angesichts der Steigerung und Wandlung durch graphische Strukturen in vielf\u00e4ltigen Variationen der \u201eflirrend expressive Bewegungen\u201c M\u00fcnstermanns.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: bold\">L\u00fcpertz dauerhaft in der Schlosskirche?<br \/><\/span>Ponert lie\u00df sich dar\u00fcber hinaus zu einer k\u00fchnen Idee hinrei\u00dfen: Er k\u00f6nne sich durchaus vorstellen, dass Markus L\u00fcpertz vier an der 1613 erbauten M\u00fcnstermann-Kanzel fehlenden Sitzfiguren der Evangelisten neu in Bronze erschaffen k\u00f6nnte. Er werde pers\u00f6nlich Personen im engagierten M\u00e4zenentum f\u00fcr dieses Projekt begeistern. \u201eDenn mit dem Einsatz der fehlenden Figuren beg\u00e4nne die Vareler Kunstmeile schon im Kunstraum der Schlosskirche und damit direkt bei Ludwig M\u00fcnstermann!\u201c Mit diesem forschen Vorhaben versetzte er die Zuh\u00f6rer sichtlich in Staunen. Pfarrer Tom Brok jedoch sprach von \u201eeiner atemberaubenden Idee, unsere Kanzel zu vervollst\u00e4ndigen\u201c. <\/p>\n<p>Im anschlie\u00dfenden Gespr\u00e4ch konnte sich Pfarrer Brok allerdings auch mit der Idee anfreunden, die beiden Figuren des Apoll und des David als Bronzefiguren aus den H\u00e4nden L\u00fcpertz auf der Westempore zu platzieren und somit an die verlorengegangene Orgel zu erinnern. \u201eWir werden am Thema L\u00fcpertz dranbleiben\u201c, versprach er zuversichtlich.<\/p>\n<p>Ob es in Zukunft wirklich dazu kommen wird, dass der gro\u00dfe deutsche gut gekleidete Gegenwartsmaler, gest\u00fctzt auf seine \u201eKreativkr\u00fccke\u201c, wirklich einmal in den Genuss des Anblicks eines der pr\u00e4chtigsten M\u00fcnstermann-Alt\u00e4re zu kommen, bleibt abzuwarten. Es w\u00e4re L\u00fcpertz zu w\u00fcnschen.&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>&nbsp;<br \/>Markus L\u00fcpertz, geboren 1941, z\u00e4hlt zu den bekanntesten deutschen K\u00fcnstlern der Gegenwart. Seine Bildgegenst\u00e4nde zeichnen sich durch suggestive Kraft und archaische Monumentalit\u00e4t aus. Der Maler, Bildhauer und Graphiker L\u00fcpertz dringt darauf, den Darstellungsgegenstand mit einer archetypischen Aussage seines Daseins festzuhalten. <\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Kirchenfenster in der Marienkirche zu L\u00fcbeck lieferte L\u00fcpertz die Vorlagen. Im Juli 2012 stellte er Entw\u00fcrfe f\u00fcr sieben Fenster der Dorfkirche in Landsberg-G\u00fctz vor. Es handelte sich um eigenst\u00e4ndige Erg\u00e4nzungen schadhafter Fenster, die aus dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert stammten und Portr\u00e4ts von Petrus, Paulus, Martin Luther sowie Melanchthon zeigten. Der Katholik L\u00fcpertz schuf dar\u00fcber hinaus zwei v\u00f6llig neue Darstellungen auf den Seitenfenstern, die vom Kirchenvorstand als Themen Der Wiederaufbauer und Der Wegschauer vorgegeben waren. Am Reformationstag des Jahres 2013 weihte die Gemeinde die neuen Kirchenfenster festlich ein.<\/p>\n<p>L\u00fcpertz bezeichnete es in diesem Zusammenhang als einen der sch\u00f6nsten und begl\u00fcckendsten Momente f\u00fcr einen K\u00fcnstler, mit dem Licht zu malen. Die Kirche sei ein Ort, der die Kunst bewahre, denn Werke lie\u00dfen sich nicht wie in einem Museum einfach abh\u00e4ngen. Seine Kirchenfenster versteht L\u00fcpertz als zeitgen\u00f6ssische Kunst, aber sie seien in der Auseinandersetzung mit und in der Erfahrung von Tradition entstanden. <\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic\">Ein Beitrag von Beatrix Schulte.<\/span><br \/>\nSource: Kirche-Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie haben die gleichen Initialen, beide lieben die Provokation, ihre Gedankenwelt kreist h\u00e4ufig um mythologische Figuren und antike Gottheiten. 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