{"id":7580,"date":"2017-07-11T00:41:00","date_gmt":"2017-07-10T22:41:00","guid":{"rendered":"http:\/\/christusnews.de\/site\/graben-und-die-erinnerung-wachhalten\/"},"modified":"2017-07-11T00:41:00","modified_gmt":"2017-07-10T22:41:00","slug":"graben-und-die-erinnerung-wachhalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/graben-und-die-erinnerung-wachhalten\/","title":{"rendered":"Graben und die Erinnerung wachhalten"},"content":{"rendered":"<p>Osnabr\u00fcck (epd). Vincent (19) aus Rotterdam st\u00fctzt sich auf seine Schaufel und blinzelt in die Sonne \u00fcber der Gedenkst\u00e4tte Augustaschacht in Hasbergen bei Osnabr\u00fcck. Eine kurze Pause vom Graben zwischen den halb verborgenen Kellermauern tut ihm gut. Der junge Niederl\u00e4nder nimmt am Sommerlager der Aktion S\u00fchnezeichen in der Gedenkst\u00e4tte teil. Auch sein Urgro\u00dfvater hat mal auf diesem St\u00fcckchen Erde gestanden &#8211; als Zwangsarbeiter. Weil er versucht hatte zu fliehen, war er kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges in das \u00abArbeitserziehungslager\u00bb der Gestapo gebracht worden.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; \u00abEr hat hier sehr gelitten\u00bb, erz\u00e4hlt Vincent. \u00abDie Wachleute der Gestapo haben ihn geschlagen. Er musste jeden Tag zu Fu\u00df bis nach Osnabr\u00fcck laufen und dort die Eisenbahnschienen reparieren.\u00bb Am meisten habe ihm der Hunger zugesetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Es sind Geschichten wie diese, in denen das Vergangene in den Sommerlagern der Aktion S\u00fchnezeichen Friedensdienste (ASF) ein Gesicht bekommt. Seit fast 60 Jahren engagieren sich Freiwillige aller Altersgruppen \u00fcberall dort, wo Menschen unter dem Nazi-Terror besonders gelitten haben, und setzen sich f\u00fcr Frieden und Menschlichkeit ein. Unterst\u00fctzt wird der Verein unter anderem von der EU sowie von Bundesministerien und Institutionen der evangelischen Kirchen.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Knapp 30 internationale Sommer-Workcamps gibt es in Europa und Israel. Jedes Jahr helfen rund 330 junge Menschen &#8211; \u00fcberwiegend auf j\u00fcdischen Friedh\u00f6fen und in Gedenkst\u00e4tten. Im Augustaschacht wird in diesem Jahr das einzige ASF-Sommerlager in Niedersachsen veranstaltet, eines von f\u00fcnf in Deutschland. Gemeinsam mit Vincent legen elf weitere Freiwillige aus Polen, Wei\u00dfrussland, Deutschland und Spanien Ruinen ehemaliger Geb\u00e4ude frei.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Lotta (16) aus dem nieders\u00e4chsischen Sarstedt will dazu beitragen, dass das Geschehene nicht in Vergessenheit ger\u00e4t. Sosia (17) aus Polen hat sich ein Beispiel an Mutter und Onkel genommen, die auch schon in ASF-Camps gearbeitet haben. Der Gro\u00dfvater der 18-j\u00e4hrigen Celia war Staatsanwalt im Auschwitz-Prozess. Der Holocaust sei immer Thema in ihrer Familie, sagt sie. Maria, Masha, Sasha und Roman aus Wei\u00dfrussland sind Lehrerinnen oder Lehramtsstudierende. Ihnen gef\u00e4llt es, dass sie sich mit Gleichgesinnten aus anderen L\u00e4ndern die Geschichte des Ortes erschlie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Die Gedenkst\u00e4tte Augustaschacht erinnert sowohl an das \u00abArbeitserziehungslager\u00bb als auch an zwei nahe gelegene Zwangsarbeiterlager, erl\u00e4utert Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Michael Gander. In dem 1876 errichteten Geb\u00e4ude, in dem 1944\/45 die H\u00e4ftlinge des Nachts zusammengepfercht waren, ist heute eine Ausstellung untergebracht. Insgesamt waren im \u00abArbeitserziehungslager\u00bb ab Januar 1944 mehr als 2.000 Jugendliche und M\u00e4nner aus 17 L\u00e4ndern inhaftiert.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Auf dem Gel\u00e4nde drumherum wird seit 2008 nach weiteren Geb\u00e4udeteilen und damals verlorenen gegangenen Gegenst\u00e4nden gegraben. Die Arbeiten konzentrieren sich auf den Sommer, wenn Freiwillige von ASF und anderen Organisationen sich engagieren.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Grabungsleiter Andr\u00e9 Schmalkuche von der Stadt- und Kreisarch\u00e4ologie Osnabr\u00fcck ist voll des Lobes \u00fcber das Engagement der jungen Menschen. \u00abDas ist aller Ehren wert, dass sie hier arbeiten, anstatt mit Freunden am Strand zu liegen.\u00bb Es sei zudem ein hoffnungsvolles Zeichen, dass die Jugendlichen Lust h\u00e4tten am internationalen Miteinander: \u00abHier treffen sich Menschen, die sich f\u00fcr die Kultur des jeweils anderen ehrlich interessieren.\u00bb<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Roman, Lotta, Vincent und die anderen helfen, die \u00fcberwachsenen Kellermauern eines normalen Wohnhauses freizulegen, das unmittelbar neben dem Lager stand. Sie schaufeln, sieben jeden Kubikzentimeter Erde und sammeln Scherben, Schrauben, Drahtreste und manchmal Spielzeugteile. Die Au\u00dfenw\u00e4nde des Hauses sind keine zehn Meter vom Schachtgeb\u00e4ude entfernt. Das sei das Besondere an diesem Ort, sagt Gander: \u00abDie Frage, was die Menschen gewusst haben \u00fcber das, was die Nazis mit den Zwangsarbeitern gemacht haben, wird hier unmittelbar beantwortet.\u00bb<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Vincent aus Rotterdam hat seinen Urgro\u00dfvater nie kennengelernt. Er ist kurz nach der Befreiung des Lagers im April 1945 im Alter von 30 Jahren in einem nahe gelegenen Krankenhaus gestorben. Erst 2015 hat sein Gro\u00dfvater \u00fcberhaupt von dessen Schicksal erfahren. Noch im selben Jahr ist er mit seiner gesamten Familie nach Hasbergen gereist. Vincent war auch dabei.<\/p>\n<p>&nbsp;&nbsp; Damals habe er beobachtet, wie junge Menschen in einem ASF-Camp arbeiteten, erz\u00e4hlt er. Schon 2016 hat er dann selbst mitgemacht. Dieses Jahr ist er wieder da: \u00abIch m\u00f6chte erfahren, was mein Urgro\u00dfvater hier durchgemacht hat. Ich arbeite hier auch ein bisschen f\u00fcr ihn.\u00bb Und was sagt sein Gro\u00dfvater dazu? \u00abEr ist stolz auf mich\u00bb, sagt Vincent und h\u00e4lt noch einen Moment inne. Dann dreht er sich um und rammt wieder die Schaufel in die Erde.<\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic\">epd<\/span><br \/>\nSource: Kirche-Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Osnabr\u00fcck (epd). Vincent (19) aus Rotterdam st\u00fctzt sich auf seine Schaufel und blinzelt in die Sonne \u00fcber der Gedenkst\u00e4tte Augustaschacht in Hasbergen bei Osnabr\u00fcck. Eine kurze Pause vom Graben zwischen den halb verborgenen Kellermauern tut ihm gut. Der junge Niederl\u00e4nder nimmt am Sommerlager der Aktion S\u00fchnezeichen in der Gedenkst\u00e4tte teil. Auch sein Urgro\u00dfvater hat mal auf diesem St\u00fcckchen Erde gestanden &#8211; als Zwangsarbeiter. 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