{"id":8302,"date":"2017-11-01T13:27:34","date_gmt":"2017-11-01T12:27:34","guid":{"rendered":"http:\/\/christusnews.de\/site\/?p=8302"},"modified":"2017-11-01T13:29:03","modified_gmt":"2017-11-01T12:29:03","slug":"laudatio-von-prof-dr-reinhard-schulz-fuer-tina-asche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/laudatio-von-prof-dr-reinhard-schulz-fuer-tina-asche\/","title":{"rendered":"Laudatio von Prof. Dr. Reinhard Schulz f\u00fcr Tina Asche"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eWort f\u00fcr Wort\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Eine Kunstaktion und \u2013Ausstellung zum Reformationstag 2017<\/p>\n<p>Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven<\/p>\n<ol start=\"31\">\n<li>Oktober 2017<\/li>\n<\/ol>\n<p>Prof. Dr. Reinhard Schulz<\/p>\n<p><em>Laudatio<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der zum Protestantismus konvertierte j\u00fcdische Romanist und Politiker Viktor Klemperer (1881-1960) wurde mit seiner Abhandlung <em>LTI \u2013 Notizbuch eines Philologen (Lingua Tertii Imperii: Sprache des dritten Reiches)<\/em> und seine Tageb\u00fccher unter dem Titel: <em>Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten (1933-1945)<\/em> \u00f6ffentlich bekannt. Wie auch bei George Orwells (1903-1950) weitaus bekannterem Dystopie-Roman <em>1984<\/em> werden heutige Leserinnen und Leser mit diesen Werken f\u00fcr das Thema \u201eSprachpolitik\u201c sensibilisiert \u2013 also daf\u00fcr, wie das Denken, Hand<a href=\"http:\/\/christusnews.de\/site\/wp-content\/uploads\/DSC_7004.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-8305 alignright\" src=\"http:\/\/christusnews.de\/site\/wp-content\/uploads\/DSC_7004-300x199.jpg\" alt=\"\" width=\"362\" height=\"240\" srcset=\"https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-content\/uploads\/DSC_7004-300x199.jpg 300w, https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-content\/uploads\/DSC_7004-768x511.jpg 768w, https:\/\/christusnews.de\/site\/wp-content\/uploads\/DSC_7004-1024x681.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 362px) 100vw, 362px\" \/><\/a>eln und F\u00fchlen von Menschen durch Sprachregelungen gesteuert wird. So schreibt Klemperer in LTI: \u201eSprache dichtet und denkt nicht nur f\u00fcr mich, sie lenkt auch mein Gef\u00fchl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverst\u00e4ndlicher, je unbewusster ich mich ihr \u00fcberlasse.\u201c Klemperer interessierte sich f\u00fcr den Zusammenhang von Sprache und Macht und damit f\u00fcr die Durchsetzung von Ideologien durch eine manipulative Sprachpolitik. Auch heute bleiben wir von solchen Ideologien nicht verschont, wie man sie gegenw\u00e4rtig z. B. im Disziplinierungsvokabular des neoliberalen Kontrollregimes mit Begriffen wie \u201eSelbststeuerung\u201c, \u201eLebenslanges Lernen\u201c, \u201eQualit\u00e4tsmanagement\u201c, \u201eBewertungsraster\u201c oder \u201eKompetenzentwicklung\u201c vorfinden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber haben diese einleitenden sprachpolitischen Bemerkungen \u00fcberhaupt irgendetwas mit der akribischen Aufschreibarbeit zu tun, der sich Tina Asche f\u00fcr ihre Kunstinstallation \u201eWort f\u00fcr Wort\u201c f\u00fcr das Reformationsjubil\u00e4um in einer sehr zeitaufwendigen Kleinarbeit unterzogen hat? Ich glaube: ja und nein. <em>Ja<\/em>, weil die hier ausgestellten Dokumente in einzigartiger Weise die selbstverst\u00e4ndliche und unbewusste Dimension des von Klemperer angesprochen Zusammenspiels von Sprache und Gef\u00fchl verk\u00f6rpern. <em>Nein<\/em>, weil den Menschen, die Tina Asche hier zu Wort kommen l\u00e4sst, vordergr\u00fcndig kein ideologisches oder manipulatives Interesse unterstellt werden kann. Dennoch lohnt es sich, noch etwas genauer hinzuschauen, um dem sich uns hier heute gro\u00dfformatig darbietenden Mix aus sehr Pers\u00f6nlichem, Transzendentem und Jargonhaften besser auf die Spur kommen zu k\u00f6nnen. So ist den dokumentierten Wortfolgen an den meisten Stellen die Mitwirkung einer unausgesprochenen Produktionsst\u00e4tte, n\u00e4mlich des Kirchenraums, anzumerken. Doch wie arbeitet dieser unausgesprochene Raum in den einzelnen Sprachfragmenten mit: etwa als Fluchtpunkt, als R\u00fcckzugsgebiet, als Besinnungsraum, als Gedenkst\u00e4tte, als Oase oder als Kummerkasten? Bei der Fahndung nach solchen Bezugnahmen fungiert das Unausgesprochene zun\u00e4chst einmal als Ausgespartes, weil jede hier dokumentierte Wortfolge von einer vermutlich ortsabh\u00e4ngigen Entscheidung (hier: der Kirche) begleitet sein d\u00fcrfte, um diesbez\u00fcglich das eine auszuleuchten, etwas anderes aber im Dunkeln zu belassen oder im Anschluss an Johann Wolfgang von Goethe (1749 \u2013 1832): \u201eJedes ausgesprochene Wort ruft seinen Gegensinn hervor.\u201c Und mit Martin Heidegger (1889-1976) lie\u00dfe sich erg\u00e4nzen, dass jedes Gesagte auf ein umso gr\u00f6\u00dferes Ungesagtes verweise. Ich spreche ausdr\u00fccklich von einer das Schreiben begleitenden Entscheidung und nicht von einer Vorentscheidung, weil wir alle die Erfahrung kennen (z.B. beim Briefeschreiben), dass uns beim Schreiben etwas einf\u00e4llt, was wir uns gerade nicht <em>vorgenommen <\/em>haben. Die hier versammelten Wortfolgen erwecken genau diesen Eindruck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit alledem sind aber die Worte noch nicht gefunden f\u00fcr dasjenige, was beansprucht, durch Worte gar nicht gefunden werden zu k\u00f6nnen. Diese unausdr\u00fcckliche Dimension haben das von mir bei dieser Ausstellung f\u00fcr analytische Zwecke unterschiedene Pers\u00f6nliche, Transzendente und der Jargon gemeinsam, die alle in Gestalt verschiedener Beispiele in dieser Kunstaktion zu finden sind. F\u00fcr das <em>Pers\u00f6nliche <\/em>gilt dies etwa f\u00fcr die Metapher \u201eSchmetterlinge im Bauch\u201c oder die Hoffnung auf \u201eWiedergutmachung\u201c, f\u00fcr das <em>Transzendente <\/em>gilt das f\u00fcr die vielgestaltige Anrufung Gottes: \u201eLieber Gott, Herrgott, Herr im Himmel, Gott im Himmel, Barmherziger Gott, Hallo Vater, Hallo Gott\u201c aber auch christliche Formeln wie \u201eKerze f\u00fcr einen toten Freund\u201c, \u201eBeten bringt Wunder\u201c, \u201eGott, vergib mir\u201c, \u201eStille h\u00f6ren k\u00f6nnen\u201c oder \u201eAlles ist Liebe\u201c, und schlie\u00dflich kommt der <em>Kirchenjargon <\/em>mit \u201eWir sind urg\u00f6ttlich\u201c und \u201eDenn nur durch den Glauben wird die Seele rein\u201c, der <em>Milit\u00e4rjargon <\/em>mit \u201eSie starben f\u00fcr uns\u201c und der <em>New Age-Jargon<\/em> mit \u201eAlle eins \u2013 verbunden, einzigartig. Es lebe das neue Wassermann-Zeitalter!\u201c vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese unvollst\u00e4ndige Aufz\u00e4hlung konfrontiert uns mit einer tief sitzenden Ambivalenz, die all unserem Sprechen zugrunde liegt oder um es mit Friedrich Nietzsche (1844-1900) zu sagen: \u201eJede Meinung ist auch ein Versteck, jedes Wort auch eine Maske\u201c. Denn im Hinblick auf das vielf\u00e4ltige zwischen den einzelnen W\u00f6rtern und Zeilen in Szene gesetzte Maskenspiel oszilliert der Sinn zwischen Gesagten und Ungesagten, Expliziten und Impliziten, Begriff und Metapher. Tina Asche hat f\u00fcr uns mit dieser Ausstellung dieses bisher unter Buchdeckeln verborgene Versteckspiel \u00f6ffentlich gemacht und unter der \u00dcberschrift \u201eM\u00f6rtel gegen das Vergessen\u201c erinnerte die Nordwest-Zeitung am vergangenen Freitag (27. Oktober) an einen anderen K\u00fcnstler, n\u00e4mlich Gunter Demnig, den Erfinder des Gedenkprojekts \u201eStolpersteine\u201c anl\u00e4sslich von dessen 70igsten Geburtstag. Diese Parallele veranlasst mich nun, anstelle von Stolpersteinen hier heute bei \u201eWort f\u00fcr Wort\u201c von \u201eStolperw\u00f6rtern\u201c zu sprechen, die uns zum gemeinsamen Nachdenken bzw. der Teilnahme am Versteck- und Suchspiel einladen sollen. Bei Wikipedia findet man z.Z. nur den Stolperw\u00f6rter-Lesetest, aber das ist etwas v\u00f6llig anderes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu guter Letzt m\u00f6chte ich nicht au\u00dfer Acht lassen, dass wir heute der Reformation, d.h. des 31. Oktober 1517 vor 500 Jahren gedenken und exakt vor einem Jahr, am 31. Oktober 2016, wurde in der FAZ ein Beitrag des G\u00f6ttinger Theologen Thomas Kaufmann unter der \u00dcberschrift <em>Druckerpresse statt Hammer<\/em> ver\u00f6ffentlicht. Im Stil dieser Ausstellung manifestiert sich meines Erachtens, dass Tina Asche von der Schreibschrift der G\u00e4steb\u00fccher und den \u00dcbersetzungen abweichend die Buchstaben der Druckerpresse mit hohem handwerklichem Aufwand nachgeahmt hat. Nicht zuletzt ist darin ein bedeutender Beitrag zum Reformationsjubil\u00e4um zu sehen, insofern Thomas Kaufmann in seinem Beitrag vor einem Jahr Martin Luther (1483-1546) als einen \u201eprinting native\u201c geadelt hat. Er schreibt:<\/p>\n<p>\u201eDer springende Punkt meiner auf den zweimaligen Druck der \u201e95 Thesen\u201c hinauslaufenden Rekonstruktion der Vorg\u00e4nge um den 31. Oktober 1517 besteht darin, Luther von seinen fr\u00fchesten Anf\u00e4ngen als das zu begreifen, als was er tats\u00e4chlich bald erkennbar wurde und was seine Wirkm\u00e4chtigkeit begr\u00fcndete: als einen virtuosen Publizisten, einen \u201eprinting native\u201c, einen Propagandisten und Agitator, der die M\u00f6glichkeiten der relativ jungen Technik des Buchdrucks auf berechnende Weise im Sinne seines theologischen Anliegens zu nutzen wusste. [\u2026] Dank der Druckerpresse lief sich die inquisitorische Vernichtung einzelner Texte durch das Feuer tot, blieben disparateste Gedanken in der Welt \u2013 die komplexeste und bisher nachhaltigste Datenspeicherung der Menschheitsgeschichte! Sie wertzusch\u00e4tzen und nicht f\u00fcr vage Verhei\u00dfungen digitaler Fortschrittsapostel aufs Spiel zu setzen, k\u00f6nnte ein nicht unwichtiger Ertrag des Reformationsjubil\u00e4ums sein.\u201c<\/p>\n<p>Tina Asche hat in der Christus- und Garnisonkirche mit \u201eWort f\u00fcr Wort\u201c der einzigartigen Verquickung von Reformation und Buchdruck mit den \u201edisparatesten Gedanken\u201c f\u00fcr unsere Zeit ein k\u00fcnstlerisches Zeichen gesetzt. Ich w\u00fcnsche diesem \u201eeindr\u00fccklichen Projekt\u201c in den kommenden Wochen viele Besucherinnen und Besucher, anregende Gespr\u00e4che und einen zeitkritischen Geist und der K\u00fcnstlerin gute Erholung von dieser gro\u00df angelegten und Kraft raubenden Aktion.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWort f\u00fcr Wort\u201c Eine Kunstaktion und \u2013Ausstellung zum Reformationstag 2017 Christus- und Garnisonkirche Wilhelmshaven Oktober 2017 Prof. Dr. Reinhard Schulz Laudatio &nbsp; Der zum Protestantismus konvertierte j\u00fcdische Romanist und Politiker Viktor Klemperer (1881-1960) wurde mit seiner Abhandlung LTI \u2013 Notizbuch eines Philologen (Lingua Tertii Imperii: Sprache des dritten Reiches) und seine Tageb\u00fccher unter dem Titel: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten (1933-1945) \u00f6ffentlich bekannt. 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