{"id":8371,"date":"2017-11-09T10:01:00","date_gmt":"2017-11-09T09:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/christusnews.de\/site\/ich-bin-hier-ganz-alleine-und-tu-putzen-das-deutsche-theater-goettingen-erzaehlt-eine-andere-weihnachtsgeschichte\/"},"modified":"2017-11-09T10:01:00","modified_gmt":"2017-11-09T09:01:00","slug":"ich-bin-hier-ganz-alleine-und-tu-putzen-das-deutsche-theater-goettingen-erzaehlt-eine-andere-weihnachtsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christusnews.de\/site\/ich-bin-hier-ganz-alleine-und-tu-putzen-das-deutsche-theater-goettingen-erzaehlt-eine-andere-weihnachtsgeschichte\/","title":{"rendered":"\u00abIch bin hier ganz alleine und tu&#039; putzen\u00bb &#8211; Das Deutsche Theater G\u00f6ttingen erz\u00e4hlt eine andere Weihnachtsgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Theaterst\u00fcck ist alles anders: \u00abMaria und Josef\u00bb sind eine Putzfrau und ein Wachmann, die sich an Heiligabend zuf\u00e4llig in einem Kaufhaus treffen. Und hier setzt das Deutsche Theater in G\u00f6ttingen auch seine ungew\u00f6hnliche Geschichte in Szene.<\/p>\n<p>G\u00f6ttingen (epd). Kleiderst\u00e4nder statt Krippe, kein Ochs&#8217; und kein Esel und auch von den Heiligen Drei K\u00f6nigen keine Spur: An knapp zwei Dutzend Abenden im November und Dezember verwandelt sich das Untergeschoss des G\u00f6ttinger Modegesch\u00e4fts \u00abWoggon\u00bb in eine Theaterb\u00fchne. Das Deutsche Theater bringt hier in den kommenden Wochen die Weihnachtsgeschichte \u00abJosef und Maria\u00bb zur Auff\u00fchrung. Denn auch die Vorlage des \u00f6sterreichischen Schriftstellers Peter Turrini spielt nicht in einem Stall, sondern in einem Kaufhaus.<\/p>\n<p>Es ist Heiligabend. Die vorweihnachtliche Verkaufsschlacht ist geschlagen, das Geb\u00e4ude verschlossen, still ruhen in den Regalen die \u00fcbriggebliebenen Waren. Maria hat es im R\u00fccken, die Bandscheibe zwickt heftig. St\u00f6hnend, sich mit einer Hand die schmerzende Seite haltend, in der anderen Eimer und Feudel, schlurft sie durch das menschenleere Geb\u00e4ude. Ab und zu wischt sie zwischen den St\u00fchlen in dem an diesem Mittwochabend kleinen, voll besetzten Zuschauerraum herum.<\/p>\n<p>Weil sie in der Familie ihres Sohnes zum Weihnachtsschmaus nicht willkommen ist, hat sie freiwillig die Schicht als Putzfrau \u00fcbernommen. \u00abIch bin hier ganz alleine und tu&#8217; putzen\u00bb, ruft Maria verzweifelt in die Stille. Und nimmt, als das Gef\u00fchl von Einsamkeit sie zu \u00fcberw\u00e4ltigen droht, einen kr\u00e4ftigen Schluck aus der mitgebrachten Weinbrandflasche. Das eben noch kichernde Publikum ist sichtlich betroffen. Kein Mucks ist im Raum zu h\u00f6ren, nur von drau\u00dfen dringt das leise Gemurmel von Nachtschw\u00e4rmern herein.<\/p>\n<p>Marias Wehklagen ruft Josef auf den Plan, der in dem Gesch\u00e4ft als Wachmann Dienst schiebt. Ebenfalls freiwillig, denn der aufrechte Kommunist hat keine eigene Familie, und die meisten alten Genossen sind l\u00e4ngst tot. Den Traum von einer gerechten Gesellschaft tr\u00e4umt Josef nun allein weiter. F\u00fcr das Weihnachts-Ged\u00f6ns hat er nichts \u00fcbrig. \u00abMir ist ja alles Heilige zuwider\u00bb, stellt er klar. \u00abDie ganze Sache mit dem Jesuskind ist doch eine Erfindung.\u00bb<\/p>\n<p>Auf der Treppe kommen die beiden ins Gespr\u00e4ch, stockend zun\u00e4chst reden und erz\u00e4hlen sie aneinander vorbei. Unterbrochen von Weinkr\u00e4mpfen schildert Maria, die in Tirana einst Variet\u00e9 tanzte, ihre traurige pers\u00f6nliche Situation: Sie berichtet von ihrer unfreiwilligen Schwangerschaft, der ungl\u00fccklichen Ehe &#8211; \u00abwenn er mich nicht schlug, war es ganz nett\u00bb &#8211; und der b\u00f6sartigen Schwiegertochter.<\/p>\n<p>Josef hingegen, der von den Nationalsozialisten wegen seiner politischen \u00dcberzeugung im Gef\u00e4ngnis misshandelt wurde, \u00fcberspielt seine Betroffenheit und seine Gef\u00fchle mit politischen Parolen: \u00abEin fortschrittlicher Mensch ist nie allein\u00bb, sagt er und stimmt dann mit br\u00fcchigem Bass die \u00abInternationale\u00bb an.<\/p>\n<p>Ein Tango, zu dem Maria den z\u00f6gernden Josef bittet, bricht schlie\u00dflich das Eis. Erst mit langsamen Schritten, dann immer schneller und fl\u00fcssiger wirbeln und schweben die beiden durch das Gesch\u00e4ft, sie kommen sich n\u00e4her, sie umarmen und k\u00fcssen sich. Sichtlich beseelt von so viel N\u00e4he, erkl\u00e4rt Josef den eigentlich verhassten Heiligabend zum \u00abTag der Gerechtigkeit\u00bb. Er schl\u00e4gt Maria vor, dass die beiden sich mit den ausliegenden Waren eindecken &#8211; die \u00abVorratskammer des Kapitalismus\u00bb soll in den Besitz des Volkes zur\u00fcckgehen &#8211; und sich dann gemeinsam auf den Weg in ein besseres Leben machen. Ob Maria sich darauf einl\u00e4sst, bleibt am Ende offen.<\/p>\n<p>Nur langsam setzt Beifall ein, dann schwillt er an &#8211; es wirkt so, als klatschten die Zuschauer ihre widerspr\u00fcchlichen Empfindungen weg. \u00abIch wusste manchmal nicht, ob ich mich freuen oder traurig sein sollte\u00bb, sagt eine Besucherin. Eine andere, die mit einer Freundin gekommen ist, will das St\u00fcck ihrer Familie empfehlen: \u00abEine sch\u00f6ne, nachdenklich machende Geschichte.\u00bb<\/p>\n<p>Peter Turrini ist bekannt f\u00fcr seine gesellschaftskritischen und teils provokanten Volksst\u00fccke. Auch er h\u00e4tte an dem von Regisseur Elias Perrig rund um eine Treppe in Szene gesetzten St\u00fcck in G\u00f6ttingen vermutlich gro\u00dfe Freude.<\/p>\n<p>Source: Kirche-Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Theaterst\u00fcck ist alles anders: \u00abMaria und Josef\u00bb sind eine Putzfrau und ein Wachmann, die sich an Heiligabend zuf\u00e4llig in einem Kaufhaus treffen. Und hier setzt das Deutsche Theater in G\u00f6ttingen auch seine ungew\u00f6hnliche Geschichte in Szene. G\u00f6ttingen (epd). Kleiderst\u00e4nder statt Krippe, kein Ochs&#8217; und kein Esel und auch von den Heiligen Drei K\u00f6nigen keine Spur: An knapp zwei Dutzend Abenden im November und Dezember verwandelt sich das Untergeschoss des G\u00f6ttinger Modegesch\u00e4fts \u00abWoggon\u00bb in eine Theaterb\u00fchne. Das Deutsche Theater bringt hier in den kommenden Wochen die Weihnachtsgeschichte \u00abJosef und Maria\u00bb zur Auff\u00fchrung. 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