Dokumentation der Ansprache von Bischof Jan Janssen in der Andacht in der Christus- und Garnisonkirche zum Jahrestags des Beginns des 1. Weltkriegs am 1. August anlässlich der Sonderausstellung „Mit Schwert und Talar“:

„Samuel tat, wie ihm der Herr gesagt hatte, und kam nach Bethlehem. Da entsetzten sich die Ältesten der Stadt und gingen ihm entgegen und sprachen: Bedeutet dein Kommen Friede? Er sprach: Ja, Friede! Ich bin gekommen, dem Herrn zu opfern; heiligt euch und kommt mit mir zum Opfer. Und er heiligte den Isai und seine Söhne und lud sie zum Opfer. Als sie nun kamen, sah er den Eliab an und dachte: Fürwahr, da steht vor dem Herrn sein Gesalbter. Aber der Herr sprach zu Samuel: Sieh nicht an sein Aussehen und seinen hohen Wuchs; ich habe ihn verworfen. Denn es ist nicht so, wie ein Mensch es sieht: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“ (1. Sam 16,4-8)

Bischof Jan Janssen (v. rechts), Organist Florian Bargen, Pastor Frank Morgenstern

Ein Friedensbringer wird gesucht. Ein Mensch, der dem Friedenswillen Gottes eine Gestalt und ein Gesicht gibt. Wieder und wieder sucht Gott unter uns solche Menschen. Die drei Lebensgeschichten der Ausstellung Mit Schwert und Talar Friedrich Ronneberger, Ludwig Müller, Martin Niemöller zeigen, wie verschieden der Ruf Gottes in unseren Lebensläufen Resonanz findet und realisiert wird. Wir sehen Gesichter und Geschichten, beziehen Position, spüren radikale Ablehnung und respektvolle Akzeptanz. Dazu die Fragen: Was wäre wohl mein Weg? Ein Anteil am Krieg? Welche Entscheidungen zum Frieden träfe ich?

Ein Friedensbringer wird gesucht. Ein Mensch, der dem Friedenswillen Gottes eine Gestalt und ein Gesicht gibt. Der Prophet Samuel soll in Bethlehem suchen und finden. Wo Bethlehem dransteht, da muss doch Frieden drin sein. An Orten, wo Hirten Vorbilder für Könige sind, da muss doch Frieden herrschen. Wo pastores, wo Hirten leiten, da kann doch kein Krieg geführt oder gar verherrlicht werden!

Selig seien die Friedenstifter, denn sie heißen Gotteskinder – so hatte es Jesus, der gute Hirte, seinen Jüngern gesagt. Und hatte ihnen dazu seine Hinterlassenschaft anvertraut: Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht (Mt 5,9; Joh 14,27).

Kommt ein Prophet in die Stadt und sucht den, der zum Friedefürsten werden soll, scheint jedoch nicht eitel Freude auszubrechen. Garantiert scheint der Friede nicht zu sein. Samuel ist der Kundschafter und schon sein Kommen löst Konflikte im Stadtrat aus noch vor den Toren Bethlehems: Bedeutet dein Kommen Frieden? Ja, Frieden! Endlich macht die Lutherausgabe der Bibel 2017 klar, dass hier das hebräische Wort Schalom steht und übersetzt nicht mehr Heil. So wird die Brücke zur Weihnachtsgeschichte hörbar, denn es waren Hirten in derselben Gegend (Lk 2,8) und hörten auch den Ruf der Gottesboten zum Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens (Lk 2,14).

Samuel ist der Kundschafter und veranstaltet ein Casting. Alle Söhne Isais sieht er sich an und denkt sich schon bei Eliab: Sieht gut aus! Hat Profil. Zeigt Können. Der ist es. Doch Gottes Casting tickt in der Friedensfrage ganz anders. Hier heißt es Absehen vom Aussehen! – Erscheinungsbild? Egal! – Hoher Wuchs! Unwichtig! – Aufrechter Gang? Geschenkt! – Kräftige Waden! Wozu? Gut gerüstet – Hat das Goliath genützt? Am Ende wird ein Schafhirte zum Friedefürsten – es ist die Vorgeschichte für Davids Weg.

Die Samuelbücher erzählen weiter den Werdegang Davids. Wie lange der ein Friedefürst sein wird, ist fragwürdig.

Vor der Andacht besuchte Bischof Jan Janssen (im Bild links) die Sonderausstellung im Deutschen Marinemuseum. Rechs neben ihm: Sammlungsleiterin Nina Nustede, Pastor Frank Morgenstern und Museumsleiter Dr. Stephan Huck.

Doch er wird zum ersehnten Hoffnungsträger für Frieden – auch über eigenes Scheitern und Schuldigwerden hinaus. Dieses gesamte biblische Buch sieht den Frieden im Wechselverhältnis politischen und persönlichen Lebens. Schon Samuel Suche nach dem Friedefürsten löst besorgtes Fragen in der Stadt aus: Bedeutet dein Kommen Frieden?Mögen wir in der Nachahmung Samuels und in der Nachfolge Jesu mit vollem Herzen antworten: Ja, Frieden! Und lasst uns diese Entscheidung, dieses Ja ernstnehmen.

Nutzen wir die aktuelle Ausstellung für diese ernsthafte Wahrnehmung und Haltung – eine Ausstellung, für die ich im Namen unserer Kirche von ganzem Herzen Dank sage.

Besonders in einer Stadt, deren Gründung auf preußische Aufrüstung und nationalistisches Säbelrasseln zurückgeht, deren Geschichte geradezu geradlinig auf Konflikt zulief, von den Kämpfen in den Kolonien bis zum Irrsinn des Ersten Weltkrieges, der heute vor 103 Jahren begann, indem sich halb Europa gegenseitig den Krieg erklärte, zu dem auch Christen und Kirchen wie besessen beitrugen, wobei sie alle Nachbarn und Nationen zu Feinden machten, für dessen Gewaltexzesse der Mensch sich nur schämen kann, an dessen Leid wir gleich im Gebet denken werden.

Mögen wir mehr sehen, als was in der Welt vor Augen ist. Mögen wir genau hinsehen, auch hinter unsere

Vor der Andacht besuchte Bischof Jan Janssen (Mitte) die Sonderausstellung im Deutschen Marinemuseum.

Ansichten.Und möge der Herr unser Herz barmherzig ansehen. Wie in diesem Psalm, der um Frieden fleht: möge Gott gnädig sein, Missetat vergeben, Sünden bedecken, seinen nur allzu berechtigten, glühenden Zorn fahren lassen (Ps 85,1-4).

Denn dieser barmherzige Blick Gottes befreit auch uns zu einer neuen Aufmerksamkeit und Haltung. Dann nämlich könnten wir hören, was Gott der Herr redet: dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, auf dass sie nicht in Torheit geraten (Ps 85,9). Dann nämlich könnten wir auch mit unserem Handeln etwas dazu beitragen und höchstpersönlich daran mitwirken, dass in unserm Lande Ehre wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, dass Gerechtigkeit und Friede sich küssen (Ps 85,10f). Amen.

Gedenken

Am 28. Juli 1914 unterschrieb Kaiser Franz Joseph die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien.

Am 29. Juli begann die Beschießung von Belgrad und Reichskanzler Bethmann Hollweg eröffnete dem britischen Botschafter, dass Deutschland Frankreich angreife unter Brechung der Neutralität Belgiens.

Am 30. Juli Generalmobilmachung der russischen Armee.

Am 1. August 1914 um 17 Uhr gab Wilhelm II. für das Deutsche Reich den Mobilmachungsbefehl heraus und erklärte am selben Tag Russland den Krieg (19 Uhr Ortszeit Petersburg). Das mit Russland verbündete Frankreich machte ebenfalls mobil.

Am 2. August besetzten deutsche Truppen Luxemburg.

Am 3. August 1914 erklärte Deutschland Frankreich wegen angeblicher Grenzverletzungen und erfundener Luftangriffe den Krieg.

Wir denken an diesem Tag und an diesem Ort an den Beginn des ersten Weltkrieges vor 103 Jahren. Wir gedenken des Leidens und Sterbens von Millionen Menschen in unserem Land, in ganz Europa, in der Welt.

Wir sagen der Feindschaft ab und hoffen auf Frieden. Wir bitten um das Ende von Gewalt und Krieg in der Welt.

Wir bitten um Entspannung und gewaltfreie Lösungen, um Gerechtigkeit, Kraft und Ideen zur Zusammenarbeit, um Respekt und Freundschaft zwischen den Völkern.