Auf die Initiative der Flüchtlingsarbeit des Kirchenkreises Friesland-Wilhelmshaven wurde heute der Film „Alles gut“ von Regisseurin Pia Lenz in der UCI Kinowelt Wilhelmshaven gezeigt. Über 200 Besucherinnen und Besucher kamen in das Kino und nahmen an der Aufführung teil. „Alles gut“ ist die erste große Dokumentation nach dem großen Zustrom geflüchteter Menschen im Jahr 2015. Krieg und Gewalt sind die entflohen, in Deutschland angekommen aber noch lange nicht. Zentrale Frage nun: Wie geben wir denen eine Heimat, die dringend eine Zukunft brauchen?

Im Vorfeld des m März gestarteten Films wurde die aktuelle Situation in Friesland und Wilhelmshaven in Wortbeiträgen von Carsten Feist (Stadt Wilhelmshaven), Kreispfarrer Christian Scheuer (Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven) und Alexandra Sander (Diakonisches Werk Friesland-Wilhelmshaven) beleuchtet. Die Wortbeiträge, die vor Ort in die persische und arabische Sprache übersetzt wurden, werden hier dokumentiert:

Grußwort von Carsten FeistStadt Wilhelmshaven, Leitung Jugend, Familie, Bildung, Sport, Prävention, Migration:

„Als Vertreter von Rat & Verwaltung sage ich DANKE! Danke an die Initiatoren und das gesamte Filmteam für dieses wichtige Projekt.

Warum ist dieses Projekt wichtig? – Es ist wichtig, weil es authentische Geschichten erzählt, weil es uns Einblicke gibt. Einblicke in Schicksale, in Nöte, in Hoffnungen, in Alltagskonflikte. Der Film ist wichtig, weil er von innen nach außen berichtet und damit eine für viele von uns eine neue Perspektive ermöglicht.

Um Perspektiven geht es auch bei der Integrationsarbeit. Um Perspektiven im Sinne von Ausblick, von Chancen und Möglichkeiten, die wir den in unserer Gesellschaft ankommenden Menschen bieten können, die sie sich selbst erarbeiten können. Aber auch um Perspektiven im Sinne von Wahrnehmungen.

Integration muss im Alltag erfolgen, wenn sie gelingen soll. Welche Perspektive jedoch haben wir im Alltag auf die Integration? – Ist das Thema „Flucht – Vertreibung – Integration“ nach dem großen Engagement 2015/16 nicht längst aus der öffentlichen Wahrnehmung entwichen, oder hat zumindest an Bedeutung verloren?

Was ist geblieben von der Energie und der Bereitschaft, die die Bundeskanzlerin im August 2015 mit ihrer Aussage „Wir schaffen das!“ in Deutschland ausgelöst hat?

Das Klima der Integration ist rauer geworden. Die – zu erwartenden – Hürden einer nachhaltigen Integration dominieren immer stärker die öffentliche Diskussion. Diese wird zunehmend als Beschreibung von Problemen geführt und nicht als Suche nach Lösungen.

Was geblieben ist, ist der tagtägliche Einsatz von haupt- und ehrenamtlich Engagierten. In Kindergärten, Schulen, Sportvereinen, Familienzentren und nicht zuletzt in Kirchengemeinden sind sie tätig und helfen den in unserer Mitte lebenden neuen Bürgern bei der Bewältigung des Alltags. Sie geben mit ihrem Einsatz unserer Gesellschaft ein menschliches Bild. Ein Bild, in dem Nächstenliebe gelebt wird. In dem Lösungen gesucht und gefunden werden.

Diese Arbeit kostet viel Kraft, weil sie die Helfenden mit harten Schicksalen konfrontiert, weil sie viele Hürden überwinden und Rückschläge verarbeiten muss und auch, weil die öffentliche Unterstützung bisweilen zu wünschen übrig lässt. Dabei sind es die in der Integrationsarbeit tätigen Menschen, denen unser Dank gebührt.

Die Erzieherinnen und Lehrkräfte legen mit ihrer Arbeit den Grundstein für gute Bildung, die für alle Menschen in unserer Gesellschaft der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben ist. Die Ehrenamtlichen zeigen den zu uns geflüchteten Menschen Wege auf. Wege in unseren Alltag, der für Kinder, Jugendliche und Erwachsene z.B. aus Syrien oder Afghanistan bisweilen sicher befremdlich, wenn nicht bedrohlich wirkt. Sie bauen Brücken zwischen Menschen, Kulturen und Religionen. Dieser Brückenbau ist die vielleicht größte Bürgerinitiative der Gegenwart – und als solche verdient sie unser aller Wertschätzung.

Meine berufliche und auch meine ganz persönliche Dankbarkeit für ihre Arbeit darf ich ihnen versichern und in diesem Sinne in der Hoffnung schließen, dass dieser Film ihrer Arbeit und damit der Integration insgesamt zusätzlichen Rückenwind verleiht.“

Grußwort von Kreispfarrer Christian Scheuer, Kirchenkreis Friesland-Wilhelmshaven:

„Wie gut, dass wir hier alle beisammen sind. Denn gelin-gende Integration lebt von der Begegnung. Ein Film zum Thema führt uns heute zusammen und schafft damit ein gutes Stück Begegnung.

Ich beginne mit einer Momentaufnahme aus der Marktstraße von letzter Woche. Sagt mir eine Touristin: „Bei Ihnen in der Fußgängerzone sind mir mehr Ausländer über den Weg gelaufen als bei uns im Ruhrgebiet“. Sprachs und geht weiter. Wenn es beim Nebeneinander bleibt, bleiben wir uns fremd, denke ich und sehe ihr nach.

Ankommen, Hineinwachsen, Heimischwerden – all das lebt von der Begegnung. „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“, sagt Jesus. Solche Begegnungen sind es, die unseren christlichen Glauben ausmachen. Wir glauben an einen Gott, der Menschen liebevoll begegnet, der uns anspricht und annimmt, der uns Vertrauen schenkt. Dieser Glaube öffnet uns, er macht uns bereit, auch unsererseits auf Menschen zuzugehen und ihnen Vertrauen zu schenken. Aus diesem Glauben heraus können wir etwas Eigenes beitragen zur Integration geflüchteter Menschen.

Vorprogramm zur Filmvorführung: Kreispfarrer Scheuer spricht

Unter Integration verstehen wir deshalb einen wechselseitigen Prozess, an dem einzelne Personen oder Gruppen und die so genannte Mehrheitsgesellschaft aktiv beteiligt sind. Er umfasst politische, rechtlichen und wirtschaftlichen Aspekte und gelingt durch soziale, kulturell-religiöse und kommunikative Begegnungen.

Darum schaffen wir Begegnung. Zum Beispiel in den Ev. Kindergärten und Krippen. Das passiert schon beim Bringen und Abholen der Kinder. Erzieherinnen und Erzieher, Väter und Mütter müssen praktisch jeden Tag neu bestimmte Sprach- und Verständigungsprobleme bewältigen, Organisatorisches klären, Absprachen und Regeln festigen, Zuständigkeiten und Grenzen definieren. Wer kann welche Frage beantworten, wo gehört ein Antragsformular hin? Darüber hinaus braucht der sensible Bereich der Kindererziehung wechselseitig ein hohes Maß an Vertrauen und Toleranz, um gelingen zu können. Schließlich vertrauen uns Geflüchtete ihre Kinder zur Betreuung an, schließlich möchten wir nach unseren pädagogischen Standards für die Kinder da sein. Ich habe großen Respekt und bin sehr dankbar, dass sich unsere Mitarbeitenden in den KiTas mit so viel Hingabe, Geduld und Kompetenz dieser Aufgaben immer aufs Neue stellen.

Und es wird deutlich: Integration braucht Zeit. Sie ist „ein gesellschaftlicher Prozess, der nicht irgendwann abgeschlossen ist, sondern immer wieder neu gefördert werden muss.“ Das hat bereits Marieluise Beck als damalige Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen bereits im Jahr 2000 festgestellt. Diese Feststellung ist aktueller denn je. Integration braucht Zeit und sie darf nicht verschleppt und auf später vertagt werden, weil etwa die öffentliche Aufmerksamkeit abnimmt.

Darum schaffen wir Begegnung. Dazu tragen in unseren Kirchengemeinden wesentlich Ehrenamtliche bei. Das freiwillige und bürgerschaftliche Engagement gilt zu Recht als ein „Motor“ für die Integration. Laut einer Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Diakonie vom Februar 2016 waren rund 120.000 evangelische Kirchenmitglieder in der Flüchtlingshilfe tätig.

Sie bieten sich und ihre Gaben im Sinne gelebter Nächstenliebe als Begegnungsfläche an. Ich werde jetzt nicht den Fehler machen und die Vielzahl der Angebote, Hilfen und Initiativen aufzählen. Vielmehr möchte ich dafür werben, dass dieses freiwillige Engagement weiterhin größtmögliche Unterstützung verdient.

In Friesland und Wilhelmshaventun wir dies etwa durch hauptamtliche Begleitung. Miguel-Pascal Schaar, der auch diese Filmvorführung erdacht und organisiert hat, ist als kirchlicher Mitarbeiter in besonderer Weise für Ehrenamtliche da. Drei Richtungen zeigen auf, wie wir kirchlich zu einer auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit angelegten Integration beitragen möchten:

Erstens: Ehrenamtlichen werden neben Informationen und praktischer Unterstützung etwa Oasentage ermöglicht, also Zeiten zum Durchatmen und Auftanken für Leib und Seele. Spiritualität ist kein Wellnessangebot, sondern Bestandteil einer kirchlichen Arbeit, die neben allen Aktivitäten mit und für Geflüchtete Einkehr, Stille und Gebet für Helfende für unverzichtbar hält. Wenn ich weiß, was mich trägt und mir den Antrieb gibt, dann kann ich mich auch tatkräftig und geistvoll für andere engagieren.

Zweitens: Das Gegenstück dazu ist die seelsorgliche Zuwendung zu den Geflüchteten selbst. Zeit für Gespräche, damit Menschen im Wellental von dramatischer Flucht, erlösender Ankunft und quälender Ungewissheit oder ermüdender Warterei nicht untergehen. Zeit für Glaubensfragen, über Religionen hinweg, aber gerade auch für diejenigen, die den christlichen Glauben für sich entdecken und neben Gemeindegottesdienst und Glaubenskurs nach ihrem persönlichen Christsein fragen.

Und Drittens hat unser Engagement auch eine gesellschaftspolitische Dimension. Aus christlicher Sicht geht es immer auch um Gerechtigkeit und Teilhabe. Im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 werden wir darum zu sommerlichen Einzelinterviews mit den Direktkandidaten unseres Wahlkreises einladen. Das ist nicht nur eine demokratische Grundübung, die uns gesamtgesellschaftlich gut zu Gesicht steht, sondern auch Gelegenheit, kritisch nachzufragen, wie denn die Konzepte der politischen Parteien zu einer weitergehenden Integration aussehen und welche Unterstützung sich Geflüchtete und Engagierte zukünftig erhoffen können?

Eine andere Momentaufnahme zum Schluss: In der letzten Woche hat er seinen deutschen Führerschein bestanden. In Aleppo ist er jahrelang mit seinem Auto durch die überfüllten Straßen der Millionenstadt gedüst wie ein Welt-meister. Warum sollte ihm das in Wilhelmshaven nicht gelingen? – Weil der Krieg dazwischen liegt, und die Flucht und der Verlust und der Schmerz darüber, der ihm bis heute zu Herzen geht. Er hat seine Heimat verloren und damit auch seine Stellung und seine vertraute Rolle als Mann und Vater. Überhaupt hat sein Selbstbewusstsein gelitten. – Im Herbst war das Geld endlich zusammen gespart. Bei den Fahrstunden half seine dreizehnjährige Tochter als Übersetzerin. Mit fünfzig Jahren noch mal neu anfangen ist gar nicht so leicht. Doch nun ist es geschafft! Das tut seiner Seele gut und vermittelt ein Stück von Selbstbestimmtheit und Freiheit, ohne die sich niemand gerne unter die Leute mischt.

Das Tor zur Integration, es ist wieder ein gutes Stück weiter aufgegangen. Darauf werden wir beide mit einem arabisch-ostfriesischen Tee anstoßen!

Gott gebe uns seinen Frieden und seinen Segen für all unsere kleinen und großen Schritte auf dem weiteren Weg der Begegnung und Integration, der vor uns liegt!“

Grußwort von Alexandra Sander, Diakonisches Werk Friesland-Wilhelmshaven, Leitung des Wohnheims für Flüchtlinge und Asylbewerber und des Fachbereichs Migrationssozialarbeit.

Unser Fachbereich setzt sich aus sieben Kollegen zusammen, die in der Stadt Wilhelmshaven und im Landkreis Friesland Migrationsberatung durchführen. In Wilhelmshaven sind unsere Büros im Wohnheim in der Marienstraße angegliedert, im Landkreis Friesland in den Geschäftsstellen der Diakonie in Jever und Varel. Im Wohnheim werden durch Zuweisung der Stadt Wilhelmshaven Asylbewerber und Flüchtlinge untergebracht. Wir haben 28 Plätze und zurzeit Personen aus 13 Ländern. Die Beratung reicht vom Ausfüllen von Anträgen bis hin zu Asylrechtsberatung. Teilweise einmalige Betreuung oder aber auch über Jahre hinweg.

Damit Sie eine Vorstellung haben wie viele Personen zu uns in die Beratung kommen: 2016 waren es ca.1000 Beratungen aus 25 verschiedenen Ländern. Wenn die Menschen zu uns in die Beratung kommen, versuchen wir uns in ihre Situation hineinzuversetzen.

Die Flüchtlinge die zu uns kommen, kommen in ein für sie völlig unbekanntes Land, wo sie die Sprache nicht verstehen und nicht sprechen, wo sie niemanden kennen und auch das System nicht kennen. Sie sind geprägt von den Erlebnissen und Erfahrungen aus dem Heimatland und der Flucht, geprägt von der Angst um ihre zurückgelassenen Familien und Freunde. Wir versuchen ihnen vom ersten Ankommen mit Rat und Unterstützung bei allen Problemen die sie haben zur Seite zu stehen um ihnen das Ankommen zu erleichtern und damit Integration gelingen kann.