Osnabrück (epd). Vincent (19) aus Rotterdam stützt sich auf seine Schaufel und blinzelt in die Sonne über der Gedenkstätte Augustaschacht in Hasbergen bei Osnabrück. Eine kurze Pause vom Graben zwischen den halb verborgenen Kellermauern tut ihm gut. Der junge Niederländer nimmt am Sommerlager der Aktion Sühnezeichen in der Gedenkstätte teil. Auch sein Urgroßvater hat mal auf diesem Stückchen Erde gestanden – als Zwangsarbeiter. Weil er versucht hatte zu fliehen, war er kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges in das «Arbeitserziehungslager» der Gestapo gebracht worden.

   «Er hat hier sehr gelitten», erzählt Vincent. «Die Wachleute der Gestapo haben ihn geschlagen. Er musste jeden Tag zu Fuß bis nach Osnabrück laufen und dort die Eisenbahnschienen reparieren.» Am meisten habe ihm der Hunger zugesetzt.

   Es sind Geschichten wie diese, in denen das Vergangene in den Sommerlagern der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) ein Gesicht bekommt. Seit fast 60 Jahren engagieren sich Freiwillige aller Altersgruppen überall dort, wo Menschen unter dem Nazi-Terror besonders gelitten haben, und setzen sich für Frieden und Menschlichkeit ein. Unterstützt wird der Verein unter anderem von der EU sowie von Bundesministerien und Institutionen der evangelischen Kirchen.

   Knapp 30 internationale Sommer-Workcamps gibt es in Europa und Israel. Jedes Jahr helfen rund 330 junge Menschen – überwiegend auf jüdischen Friedhöfen und in Gedenkstätten. Im Augustaschacht wird in diesem Jahr das einzige ASF-Sommerlager in Niedersachsen veranstaltet, eines von fünf in Deutschland. Gemeinsam mit Vincent legen elf weitere Freiwillige aus Polen, Weißrussland, Deutschland und Spanien Ruinen ehemaliger Gebäude frei.

   Lotta (16) aus dem niedersächsischen Sarstedt will dazu beitragen, dass das Geschehene nicht in Vergessenheit gerät. Sosia (17) aus Polen hat sich ein Beispiel an Mutter und Onkel genommen, die auch schon in ASF-Camps gearbeitet haben. Der Großvater der 18-jährigen Celia war Staatsanwalt im Auschwitz-Prozess. Der Holocaust sei immer Thema in ihrer Familie, sagt sie. Maria, Masha, Sasha und Roman aus Weißrussland sind Lehrerinnen oder Lehramtsstudierende. Ihnen gefällt es, dass sie sich mit Gleichgesinnten aus anderen Ländern die Geschichte des Ortes erschließen können.

   Die Gedenkstätte Augustaschacht erinnert sowohl an das «Arbeitserziehungslager» als auch an zwei nahe gelegene Zwangsarbeiterlager, erläutert Geschäftsführer Michael Gander. In dem 1876 errichteten Gebäude, in dem 1944/45 die Häftlinge des Nachts zusammengepfercht waren, ist heute eine Ausstellung untergebracht. Insgesamt waren im «Arbeitserziehungslager» ab Januar 1944 mehr als 2.000 Jugendliche und Männer aus 17 Ländern inhaftiert.

   Auf dem Gelände drumherum wird seit 2008 nach weiteren Gebäudeteilen und damals verlorenen gegangenen Gegenständen gegraben. Die Arbeiten konzentrieren sich auf den Sommer, wenn Freiwillige von ASF und anderen Organisationen sich engagieren.

   Grabungsleiter André Schmalkuche von der Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück ist voll des Lobes über das Engagement der jungen Menschen. «Das ist aller Ehren wert, dass sie hier arbeiten, anstatt mit Freunden am Strand zu liegen.» Es sei zudem ein hoffnungsvolles Zeichen, dass die Jugendlichen Lust hätten am internationalen Miteinander: «Hier treffen sich Menschen, die sich für die Kultur des jeweils anderen ehrlich interessieren.»

   Roman, Lotta, Vincent und die anderen helfen, die überwachsenen Kellermauern eines normalen Wohnhauses freizulegen, das unmittelbar neben dem Lager stand. Sie schaufeln, sieben jeden Kubikzentimeter Erde und sammeln Scherben, Schrauben, Drahtreste und manchmal Spielzeugteile. Die Außenwände des Hauses sind keine zehn Meter vom Schachtgebäude entfernt. Das sei das Besondere an diesem Ort, sagt Gander: «Die Frage, was die Menschen gewusst haben über das, was die Nazis mit den Zwangsarbeitern gemacht haben, wird hier unmittelbar beantwortet.»

   Vincent aus Rotterdam hat seinen Urgroßvater nie kennengelernt. Er ist kurz nach der Befreiung des Lagers im April 1945 im Alter von 30 Jahren in einem nahe gelegenen Krankenhaus gestorben. Erst 2015 hat sein Großvater überhaupt von dessen Schicksal erfahren. Noch im selben Jahr ist er mit seiner gesamten Familie nach Hasbergen gereist. Vincent war auch dabei.

   Damals habe er beobachtet, wie junge Menschen in einem ASF-Camp arbeiteten, erzählt er. Schon 2016 hat er dann selbst mitgemacht. Dieses Jahr ist er wieder da: «Ich möchte erfahren, was mein Urgroßvater hier durchgemacht hat. Ich arbeite hier auch ein bisschen für ihn.» Und was sagt sein Großvater dazu? «Er ist stolz auf mich», sagt Vincent und hält noch einen Moment inne. Dann dreht er sich um und rammt wieder die Schaufel in die Erde.

epd
Source: Kirche-Oldenburg