Ich betrachte die Bilder in meiner Tageszeitung. Junge Menschen, Mädchen und Jungen stehen dort vor ihrer Kirche. Konfirmierte im Jahr 2021. Sie stehen dort mit Abstand, immer nur einige Wenige. Wie schön, denke ich. Sie wollten nicht länger auf Gottes Segen warten. Es wird in den Familien keine große Feier gegeben haben, aber der Gottesdienst wurde gefeiert, sehr persönlich nur für sie.
   
Ich betrachte die Fotos. Die jungen Leute sind festlich gekleidet, so wie immer bei der Konfirmation. Viele Jungen im Anzug mit Hemd und Krawatte, viele Mädchen im Kleid. Ein Stück Normalität in Pandemie-Zeiten. Ein besonderes Kleidungsstück muss es sein für diesen besonderen Moment.
   
Ein besonderes Kleidungsstück hält Gott uns in diesen Tag auch hin. In der Epistel zum Sonntag Kantate im Kolosser-Brief (3,12) heißt es: 
„So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.“
   
„Als die Auserwählten“ – mit der Taufe wählt Gott uns aus. Und mit der Konfirmation stimmen wir der Auswahl zu. Wir werden sichtbar als seine Kinder, Söhne und Töchter Gottes. 
   
Und als solche Auserwählten sollen wir herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld anziehen – eben wie ein Kleid. Ihr seid erwählt und das soll man an euch sehen.
   
Der Apostel Paulus macht uns Mut, eine – bildlich gesprochen – neue Kleidung anzuziehen, keine Kostümierung für eine gewisse Zeit, kein Gewand, das unser Lebensgefühl für einen Moment verändert.
   
Er meint Kleider, die von Dauer sind, die unsere zweite Haut werden sollen, weil wir sie nicht mehr ablegen können wie eine verschmutzte Jacke.
   
Der Apostel beschreibt sehr konkret, was ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens sein soll:
1. –  Herzliches Erbarmen – das ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit, Distanziertheit und Kälte. Erbarmen – das ist Zuwendung, das ist Fürsorge, das ist tätige Hilfe und zwar von Herzen. Herzliches Erbarmen bleibt ein wesentlicher Auftrag für unser tägliches Christsein.
   
2. –  Die Freundlichkeit – Ein Griesgram kann ätzend sein, ein launischer Mensch kann einem den Tag verderben. Freundliche Menschen haben etwas Liebenswertes an sich. Sie bringen Licht ins Grau. Sie sind vielleicht weniger streitbar, aber deshalb noch lange keine Weichlinge. Ohne Freundlichkeit geht es nicht in der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft. Freundlichkeit ist nicht berechnend, eher ansteckend. Freundlichkeit kann unser ganzes Umfeld verwandeln.
   
3. – Die Demut – sie spielt sich nicht in den Vordergrund, sie ist nicht in sich selbst verliebt. Sie ist aber auch nicht unterwürfig. Im Gegenteil: Die Demut erkennt, dass Gott der Schöpfer ist und wir seine Geschöpfe sind, und das macht uns stark gegen die Widrigkeiten dieser Welt. Als Christinnen und Christen glauben wir: Egal was geschieht – wir sind und bleiben Kinder Gottes. 
   
4. – Die Sanftmut –sie braust nicht auf und verliert nicht die Selbstkontrolle. Die Sanftmut will gelernt sein. Sie ist keinem angeboren. Aber sie ist im Umgang miteinander notwendig, wenn es nicht ständig Streit und Krach geben soll. Die Sanftmut hat ein großes Vorbild – Jesus Christus, der von sich selbst sagt: „Ich bin sanftmütig.“ Sanftmut bleibt eine lebenslange Übung. 
   
5. Schließlich – die Geduld – „Nur Geduld“, sagen wir, wenn sich Hektik und Unruhe ausbreiten. Geduld wird uns oft abverlangt, gerade in dieser Pandemie-Zeit.
   
Von Gott lesen wir in der Bibel, dass er seine Ungeduld und seinen Zorn gegenüber uns Menschen zurückhält. „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte,“ ruft uns der Psalmist zu. Könnte das nicht für uns eine Quelle der Kraft sein, wenn unsere eigene Geduld am Ende ist, wenn der Erfolg ausbleibt oder die Zeit lang wird. Es ist nicht leicht, gegen die eigene Last geduldig zu sein.
   
Herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld – diese Tugenden sind Kennzeichen eines christlichen Lebens. Aber wir können sie auf Dauer nur leben und verwirklichen, wenn wir dem Aufruf des Apostels folgen: „Zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.“ 
   
Die Liebe ist die Macht, die unser ganzes Leben zusammenhält. Die Liebe ist in unsere Welt gekommen, weil Gott seinen Sohn Jesus Christus aus Liebe zu uns in die Welt gesandt hat. Aus Liebe zu uns hat sich Jesus Christus für uns in den Tod gegeben, um uns von bösen Mächten zu befreien, zu erlösen und zu heilen.
   
Ich betrachte noch einmal die Fotos der konfirmierten jungen Menschen. Sie tragen besondere Kleider für einen besonderen Lebensmoment. Die Kleider, die Gott mir seit meiner Taufe hingehängt hat, sind nicht für einen besonderen Moment gedacht. Sie sind alltagstauglich. Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, Liebe brauchen Menschen täglich. Seit Jahrtausenden hat sich daran nichts geändert.  Wir werden aufgefordert, diese Kleider anzuziehen, damit andere an uns sehen, wie es ist, als Kind Gottes zu leben und zu lieben.
   
Nicht immer wird uns dies gelingen. Manchmal werden uns die Kleider zu groß oder zu eng erscheinen und wir möchten sie am Liebsten abschütteln. Aber Gott ist fehlerfreundlich und verzeiht. Und er ist geduldig. Er wird uns die Kleider wieder hinhalten und sagen:
„Probier‘s noch einmal. Es passt dir.“
   
Amen.
   
Sabine Spieker-Lauhöfer, Pfarrerin im Oberkirchenrat

Kirche-Oldenburg
Gottes neue Kleider